Review

„Sprengstoff hatten wir lange nicht!“

Der vierte Fall des humanistischen und melancholierenden Berliner Kriminalhauptkommissars Hans Sperling (Dieter Pfaff) wurde von Cristoph Busch sowie Claudia Holldack geschrieben und von Torsten C. Fischer („Berlin, 10:46“) inszeniert, der damals noch am Anfang seiner Regiekarriere stand. „Sperling und sein Spiel gegen alle“ blieb Fischers einzige Regiearbeit für diese öffentlich-rechtliche Krimireihe und wurde am 5. April 1997 erstausgestrahlt.

„Keine Experimente mehr!“

Kriminalhauptkommissar Hans Sperling beobachtet durch Zufall einen Banküberfall: Norbert Lindner (Wolf-Dietrich Sprenger [sic!], „Is' was Kanzler!?!“) hat einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt, behauptet, von anderen ferngesteuert zu werden, und erbeutet knapp 50.000 DM. Daraufhin sucht er unauffällig die Toilette einer Kneipe auf, wo er vergisst, die Tür zu verschließen. Dadurch entdeckt ihn mitsamt seinem Sprengstoffgürtel ein Gast, der stehenden Fußes Alarm schlägt. Panisch fliehen Gäste und Personal aus der Kneipe, mit Ausnahme der blinden jungen Frau Verena Vernatzki (Claudia Messner, „Zabou“), die auf der Damentoilette war und nichts von alldem mitbekommen hat. Als vermeintlicher Kneipenwirt hat sich jedoch Sperling eingeschlichen, der beruhigend auf den Bankräuber, der sich in dem Lokal verschanzt und nun auch Geiselnehmer ist, einwirkt…

„Ich finde, es hat wenig Sinn, Unfreundlichkeiten auszutauschen...“

Diese Episode beginnt mit gewohntem Stilwillen in einer S-Bahn und der Stimme eines Radiosprechers, der über den Polizeiterror gegen ein besetztes Haus in Kreuzberg berichtet. Sperlings Kollegin Kowalski (Petra Kleinert) und Kollege Rohde (Benno Fürmann) sitzen gemeinsam im Auto – Kowalski verkatert von der letzten Nacht –, als ihnen ein Mann auffällt, der vorher bereits in der S-Bahn zu sehen war. Sperling wiederum sitzt mit Norbert Wachutka (Hans-Joachim Grubel), einem weiteren Kollegen, an einem Café, als auch ihnen jener Mann auffällt, der eine Bank betritt. Wodurch im allgemeinen Berliner Gewusel ausgerechnet der Bankräuber bereits im Vorfeld mehreren Personen unabhängig voneinander auffällt, wird nicht ganz klar und soll vermutlich die Spürnase der Polizei unter Beweis stellen. Den Überfall gestaltet er diskret, aber bestimmt, bekommt jedoch nicht mit, dass der Filialleiter (Dietmar Mues, „Der Joker“) die 110 anruft. Die Spürnase der Ermittler relativiert sich, indem Rohde beschließt, dass von dem Mann keine Gefahr ausgehe, was sich als krasse Fehleinschätzung entpuppt. Dass die Polizei rätselt, ob der Überfall mit den Hausbesetzern in Verbindung stehen könnte, wirkt arg an den Haaren herbeigezogen und scheint ein Vorwand zu sein, weshalb die Handlung beide Ereignisse – Zwangsräumung und Überfall – miteinander verknüpft, u.a. in Form von Straßenkampfbildern, die die Polizei in einem Überwachungswagen verfolgt.

Recht gut inszeniert ist hingegen der Versuch Sperlings Teams, den Bankräuber zu stellen, was misslingt und in die Kneipenpanik mündet. Strenggenommen verschanzt sich nicht Täter Norbert mit Sperling und Verena, vielmehr ist es Sperling, der sich mit ihm verbarrikadiert – um ihn vor tödlichen Zugriffsmethoden der vermummten und bewaffneten Kollegen zu schützen. Eine von Norbert auf die Straße geworfene Dynamitstange, mittels derer er ein parkendes Auto in die Luft sprengt, sorgt für Action, die sehr anschaulich in Zeitlupe präsentiert wird. Das Besondere an dieser Situation ist unter anderem, dass Sperling ohne Funkkontakt mit dem Delinquenten in der Kneipe sitzt und sein ausgeschlossenes Team nicht weiß, was es machen soll. Eine Idee ist es, den Filialleiter der Bank reinzuschicken und Norbert das fehlende Geld zu bringen (selbst bei einem Überfall knausert die Bank noch herum…), doch dieser hat Angst, weigert sich und entpuppt sich im weiteren Verlauf generell als Idiot.

Das volle Pfund Sozialkritik geht mit der Erörterung Norberts Motivs einher: Er war Sprengmeister und wurde aufgrund seines vermeintlich hohen Alters entlassen. Ja, Leute, so war das in den ‘90ern vorm großen Fachkräftemangel. Eigentlich ist Norbert gar kein so schlechter Kerl, nur eben sehr verzweifelt und offenbar von der Bank betrogen worden. Aber auch bescheiden: Millionär will er gar nicht werden, er gibt sich mit den 50.000 DM zufrieden. Während Wachutka Norberts Wohnung inspiziert, lernen Verena und Norbert sich besser kennen. Und auch, als Sperling enttarnt und gefesselt wird, menschelt er noch immer ohne Unterlass.

Gewiss, in Sachen Realismus muss man ein paar Augen zudrücken, aber dieser Krimi meint es ja nur gut und hat das Herz am rechten Fleck. Doch nicht nur das: Er wird auch richtig spannend. Die Schlinge um Norbert zieht sich immer weiter zu und das SEK drückt auch schon mal ab. Die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen, Sperling wirkt bald mehr wie ein Komplize denn wie ein Gesetzeshüter und (Achtung, Spoiler!) findet als Kompromiss tatsächlich ein Happy End, mit dem alle Seiten leben können sollten, ohne gleich den Kapitalismus zu überwinden und das System zu stürzen. So realistisch bleibt dieser Fall dann doch, der strenggenommen so realitätsfern gar nicht ist, stellt er doch seine Hauptfigur, den menschelnden Bullen Sperling, als große Besonderheit und Ausnahme heraus.

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