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„Ich mag keine Menschen – sie deprimieren mich!“

Mit ihrem Regiedebüt „Ein wirklich junges Mädchen“ verfilmte die Französin Catherine Breillat („Romance“) ihren eigenen Roman, doch das im Jahre 1976 fertiggestellte Coming-of-Age-Sexualdrama galt als pornographisch, wurde verboten und erst über 20 Jahre später uraufgeführt.

Die 14-jährige Internatsschülerin Alice (Charlotte Alexandra, „Unmoralische Geschichten“) fährt in den Sommerferien zu ihren Eltern (Rita Maiden, „Die Milchstraße“ und Bruno Balp, „Der Mann aus Marseille“) aufs Land an der französische Atlantikküste. Sie fühlt sich von ihnen entfremdet und entdeckt stattdessen zunehmend ihre eigene Sexualität. Sie gibt sich erotischen Tagträumen hin und verliebt sich in den Arbeiter Jim (Hiram Keller, „Fellinis Satyricon“), dem sie jedoch zu jung ist. Unbefriedigt sehnt sie sich nach sexuellen Erfahrungen und sendet entsprechende Signale aus…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Ein wirklich junges Mädchen“ ist trotz ein paar expliziter Szenen weder ein Porno, noch ein Erotikfilm. Breillats „Skandalfilm“ scheint sich vielmehr um eine sehr persönliche, individuelle, feminine Sichtweise auf die Entwicklung weiblicher Sexualität zu bemühen und dabei lange vor „Feuchtgebiete“ u.a. auf einen provokanten Ekelfaktor zu setzen, der vermutlich einen unverklärten, ehrlichen Umgang mit der Konfrontation einer Pubertierenden mit ihrem sich ändernden Körper und kopfstehender Gefühlswelt suggerieren soll, jedoch mitunter recht selbstzweckhaft und irritierend übertrieben wirkt. So führt sich Alice am Esstisch einen Löffel in die Vagina ein, kotzt sich im Bett voll, wird beim Pinkeln gezeigt, spielt mit einem Regenwurm an ihrem Genitalbereich und schiebt sich eine Flasche in den Hintern.

Über weite Strecken jedoch wird die Entfremdung von ihren Eltern gezeigt, die Mutter hysterisch, der Vater autoritär und langweilig, eisiges Schweigen am Esstisch. Alice verfügt über wenig Selbstbewusstsein und ekelt sich vor ihrem Körper, den sie ebenso wie ihre Umwelt gerade neu entdeckt. Zum Zuschauer spricht sie aus dem Off und ansonsten nicht viel. Das Tempo des Films wird zusätzlich gedrosselt, wenn ein Rock’n’Roll-Sänger im Fernsehen gezeigt wird und dieser einen kompletten Song darbieten darf. Alice’ Wirkung auf andere zeigt sich beispielsweise, wenn sie in einem Karussell sexuell belästigt wird. Ihren Vater beobachtet sie in den Dünen beim Fremdgehen, was die Bigotterie der bürgerlichen Erwachsenenwelt unterstreicht.

Das mag alles halbwegs nachvollziehbar sein, auch wenn ich bezweifle, dass Alice’ Verhalten stellvertretend für andere pubertierende Mädchen zu verstehen ist – aber was weiß ich schon darüber. Unverständlich jedoch ist der Gebrauch von Tiertötungen vor laufender Kamera, die in der Phantasie der verkopften Autorin und Regisseurin möglicherweise metaphorische Bedeutung erlangen, bei mir jedoch auf Ablehnung stoßen. Und wenn sich Alice Federn in den Arsch steckt und über eine Düne robbt, „Ich bin ein kleines Huhn!“ gackernd, ist dies ausschließlich albern und erniedrigend. Dort treibt sie es in ihren Tagträumen dann auch mit Jim. Als dieser endlich tatsächliches Interesse an ihr entwickelt, was jedoch in einer Tragödie endet, bedient sich der Film erstmals so etwas wie einer klassischen Narration, was jedoch eher aufgesetzt und in keinem plausiblen Zusammenhang zum Gezeigten stehend erscheint.

Es mag sein, dass der Film um die während der Dreharbeiten übrigens bereits 21-jährige, freizügige Charlotte Alexandra die Stimmung einer verwirrten, unter Gefühlschaos leidenden Pubertierenden bisweilen authentisch einfängt, näherbringen konnte Breillat sie mir aber nicht und die Skandalwirkung des Films, der übrigens, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, auch diverse Pimmel zeigt, verpufft sehr schnell. Ich habe mir Mühe gegeben, aber wirklich etwas anfangen konnte ich mit „Ein wirklich junges Mädchen“ trotz angepasster, also keinen Erotikfilm erwartenden Herangehensweise leider nicht.

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