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Die „John Wick“-Reihe bildet inhaltlich, aber auch personell eine sehr geschlossene Einheit, weshalb es bei „John Wick 4“ nur einen größeren Umbruch gibt: Derek Kolstad, der Originalautor, steuerte erstmals nicht das Script bei. Stattdessen fungieren Shay Hatten – der bereits an „John Wick 3“ mitschrieb – und Michael Finch als Drehbuchautoren des Actionsequels.
Wie schon seine Vorgänger schließt auch der vierte Teil mehr oder weniger nahtlos an das Ende des vorhergehenden Teils an. John Wick (Keanu Reeves) hat die Schüsse von Winston (Ian McShane) und den Sturz vom Dach des Continental in New York verkraftet und bringt sich durch Training wieder auf die Beine, unterstützt vom König der Bettler (Laurence Fishburne). Die Hohe Kammer ist derweil auch nicht untätig, denn sie will an John ein Exempel statuieren: Niemand entkommt den Verpflichtungen der Kammer gegenüber und kann sich über die Regeln hinwegsetzen. Um besonders effektiv arbeiten zu können, stattet die Hohe Kammer den Marquis de Gramont (Bill Skarsgård) aus Frankreich mit allen nötigen Privilegien aus – die sonst eher gesichtslose Entität erhält damit schon früh im Film ein Antlitz, und ein sehr arrogantes, hassenswertes dazu.
Der Marquis macht allerdings auch keine halben Sachen, denn er will nicht nur John töten, sondern auch das, was er repräsentiert. Zu diesem Zweck müssen auch all jene leiden, die John auch nur in der kleinsten Weise unterstützt haben – dementsprechend muss man schon früh im Film von gleich zwei „John Wick“-Institutionen Abschied nehmen. Mit ähnlicher Skrupellosigkeit rekrutiert der Marquis auch Caine (Donnie Yen), einen früheren Freund und Weggefährten Johns. Der blinde Profikiller hat das Geschäft eigentlich verlassen, ähnlich wie John, doch der Marquis zwingt ihn zu einem weiteren Auftrag, indem er an Caines wundem Punkt ansetzt – dessen Tochter.

John ist allerdings ebenso wenig bereit aufzugeben wie die Hohe Kammer. Während der Abtrünnige weiter um sein Leben kämpfen muss, erhält er Hilfe von unerwarteter Seite – und einen möglichen Ausweg, um seine Exkommunikation rückgängig zu machen…
Ein „John Wick“-Film mit einer Länge von drei Stunden – kann das funktionieren? Die Antwort lautet: Ja. Im Gegensatz zu manch anderem Überlängefilm der letzten Zeit (z.B. „Everything Everywhere All at Once“ oder „Black Panther: Wakanda Forever“) kann „John Wick 4“ durchweg Hänger vermeiden und in seinem Flow bleiben. Das ist umso bemerkenswerter dadurch, dass die Story nicht komplexer als in den Vorgängern ausfällt, den mythologischen Unterbau im Vergleich zum dritten Teil wieder etwas entschlackt. John erfährt von einer ihm bisher unerkannten Regel, die ihn vom seinem Los befreien könnte, muss dafür eine Prüfung bestehen und zwischenzeitlich am Leben bleiben, ehe er sich im Finale auf jene Regel berufen kann. Doch „John Wick 4“ macht kein Geheimnis aus seinem eher simplen Unterbau, sondern betont (ähnlich wie die beiden direkten Vorgänger) die Nähe zu anderen Kunstformen: Vertreter der Unterwelt halten ein Meeting im Louvre ab, der Marquis schaut sich eine Tanzdarbietung an. Mit Blick auf diese wenig bis nicht narrativen Künste betont „John Wick 4“ sein eigentliches Anliegen: Action-Bilder auf die Leinwand malen, in tanzartigen Kampfchoreographien schwelgen.

Genau der Einfallsreichtum in diesen Kategorien hält „John Wick 4“ durchweg frisch. Man lässt den Protagonisten und seine Kontrahenten auf bisher noch nicht genutzte Art aufeinandertreffen: John Wick kämpft reitend zu Pferd, schwingt ein Nunchaku, muss sich gegen Gegner mit Brandgeschossen zur Wehr setzen usw. Genauso einfallsreich ist die Inszenierung, die jeder Actionszene Frische verleiht: Manche Kämpfe finden vor einer hellen Lichtquelle statt, sodass sie wie ein Schattenspiel aussehen, an anderer Stelle verfolgt man eine Actionszene aus einer extremen Draufsicht, aus der Vogelperspektive gewissermaßen. Manche Elemente kennt man aus den Vorgängern (Kämpfe in einer vollbesetzten Disco, Gegner mit Schutzmasken gegen Kopfschüsse, Hunde als Kampfgefährten), doch „John Wick 4“ schafft es dennoch nie wie eine Kopie oder eine einfallslose Fortführung zu wirken.
Regisseur Chad Stahelski, selbst früherer Stunt Coordinator, und das Fight- und Stuntteam rund um Laurent Demianoff, Stephen Dunlevy, Scott Rogers und Jeremy Marinas werfen jedenfalls ihr geballtes Können in die Waagschale, wenn sich der Titelheld mit der gewohnten Mischung aus Nahkampftechniken und Gunplay, die fix ineinander übergehen, durch die Horden seiner Gegner pflügt. Hin und wieder ist auch mal eine Verfolgungsjagd dabei, doch meist wird hier gekämpft, egal ob mit Schießprügeln aller Art, mit Messern, Äxten und allem, was die Waffenkammer sonst noch so hergibt, oder mit bloßen Händen – stets famos choreographiert und edel inszeniert, stets übersichtlich und toll ausgeleuchtet. Störend fällt allenfalls auf, dass die Reihe weiter an Bodenhaftung verliert: An gleich zwei Stellen stürzt John mehrere Stockwerke in die Tiefe, schlägt auf dem Boden auf, zeigt zwar Schmerzen, ist aber weiterhin bereit weiterzukämpfen und die nächste Gegnerhorde über den Jordan zu schicken – an diesen Stellen wäre weniger wirklich mehr gewesen.

Gleichzeitig wird die Reihe globaler, denn Wick muss noch mehr aus seinem angestammten New Yorker Kosmos heraus. Jedes der insgesamt drei großen Set Pieces findet an einem anderen Ort statt (hinzu kommen noch ein paar kleinere Actionszenen): Zuerst ist da ein Überlebenskampf in der Filiale des Continental-Hotels in Osaka, später muss John eine Feuerprobe in Berlin stehen, ehe das Finale in Paris stattfindet. Jede dieser drei Szenen ist ausladend und in weitere kleine Untersektionen unterteilbar, etwa wenn John in Paris erst eine „The Warriors“-artige Treibjagd (inklusive Kommentar durch Radio-DJane wie in dem Walter-Hill-Film) überstehen muss, ehe er sich dem letzten Gefecht stellen kann. Doch nicht nur die Schauplätze und die Drehorte sind international, auch die Gaststars und deren Figuren sind es, mit denen „John Wick 4“ jede Menge Lokalkolorit einbringt. So sprechen beim Gefecht in Japan vor allem die Samuraischwerter, Bögen und Messer, weniger die Schusswaffen.
Neben seinen Actionszenen lebt der Film aber auch von seinen phantasievoll gestalteten Figuren. Als da wären der Marquis und seine rechte Hand Chidi (Marko Zaror) als eiskalt-arrogante Schurken; ein sich selbst als Nobody bezeichnender Tracker (Shamier Anderson), der Wick verfolgt, aber erst zuschlagen will, wenn das Kopfgeld hoch genug ist; Shimazu (Hiroyuki Sanada), der auf Ehre und Freundschaft bedachte Chef des Continental in Japan, mit seiner Tochter Akira (Rina Sawayama); Katia (Natalia Tena), die Anführerin der Berlin Ruska-Roma-Sektion, und Killa (Scott Adkins im Fatsuit), den die Hohe Kammer ihr vor die Nase gesetzt hat; ein namenloser Bote (Clancy Brown) der Hohen Kammer; und natürlich Caine. Nachdem Rutger Hauer in „Blinde Wut“ eine US-Version des japanischen Zatoichi-Mythos verkörperte, erscheint Caine als dessen chinesische Variante. Ein blinder Nahkampfexperte mit Vorliebe für Klingenwaffen und einem strengen Ehrenkodex. Und gleichzeitig eine reizvolle Antagonistenfigur, denn weder Caine noch Wick will den anderen eigentlich töten, doch die Situation scheint ihnen keine andere Wahl zu lassen.

Gleichzeitig spiegelt dies auch ein zentrales Motiv der Reihe im Allgemeinen und dieses Films im Speziellen wider. Denn nicht nur die gewohnt phantasievoll designte Unterwelt im Retro-Chic hat ihre Regeln, sondern auch die Killer und Krieger, die sich darin bewegen, haben ihren eigenen Ehrenkodex. Einen Kodex, den sie sogar über ihr Leben und ihre eigene Unversehrtheit stellen – gut zu sehen gegen Ende des ersten Drittels, wenn Caine einem Kontrahenten erklärt, dass dieser nicht gegen ihn kämpfen müsse, dieser jedoch das Duell und damit den sicheren Tod wählt. Auch aus solchen Momenten zieht „John Wick 4“ seine Kraft. Ein weiteres gutes Beispiel ist die Szene, in der John, Caine und Nobody im Nachtclub von Killa auf den Boss treffen – die drei Gäste mögen den schmierigen Russenmafioso mit den Goldzähnen nicht, während Killa, Caine und Nobody alle das Privileg haben möchten Wick zu töten. Geregelt werden soll das Ganze in einer memorablen Sequenz am Kartentisch, ehe die Action startet. Auch gegen Ende ist „John Wick 4“ sehr konsequent: Endeten Teil 2 und 3 jeweils mit einer Art Cliffhanger, so könnte dieser Film das Ende der „John Wick“-Saga darstellen, auch wenn ein fünfter Teil bereits angekündigt ist.
Den titelgebenden Part, der inzwischen zu einer seiner Paraderollen geworden ist, spielt Keanu Reeves gewohnt souverän als meist unterkühlten Profi, bei dem gelegentlich Emotionen zum Vorschein kommen. Mit Laurence Fishburne, Ian McShane und Lance Reddick sind weitere alte Bekannte dabei, gewohnt gut, aber hier in relativ kleinen Parts unterwegs. Aus dem neuen Personal sticht vor allem Donnie Yen als Auftragsmörder im Zwiespalt heraus, der zwischen Ehre und Zwang gefangen ist. Bill Skarsgård macht Laune als überheblicher Fatzke, Marko Zaror ist dann doch eher körperlich gefragt, kann aber hier und da Charisma als überheblicher Chef-Henchman zeigen. Scott Adkins hat sichtlich Spaß an seiner Rolle als selbstgefälliger wie stilloser Mafiaboss und setzt dabei auch außerhalb seiner Actioneinsätze Akzente, während Hiroyuki Sanada mit seiner gewohnt charismatischen Präsenz überzeugt. Shamier Anderson ist okay, fällt im Vergleich zum Rest von Cast etwas ab, während Natalia Tena und Rina Sawayama trotz kleinerer Rollen Akzente zu setzen wissen, ähnlich wie Clancy Brown als ungerührter Bote der Hohen Kammer.

Obwohl „John Wick 4“ seine Titelfigur gelegentlich etwas zu übermenschlich zeichnet und die Story für eine Laufzeit von drei Stunden wenig komplex ist, kann das Sequel das hohe Niveau der Reihe halten und nur leicht gegenüber seinen Vorgängern abfallen. Dass der Film trotz seiner Länge quasi keine Hänger zu verzeichnen hat, in seine famos choreographierten Actionszenen immer Abwechslung und neue Ideen einbringen kann und seinen starken Cast gewinnbringend einzusetzen weiß, ist eine echte Leistung, die dem Team rund um Regisseur Chad Stahelski und seinen Hauptdarsteller Keanu Reeves, der sich wie gewohnt ins Zeug legt, gelungen ist.

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