John Wick will Rache. Mal wieder. Dieses Mal geht es gegen die Organisation „High Table“ selbst und so entledigt er sich zunächst des Ältesten. Dadurch erscheint allerdings der Marquis Vincent de Gramont auf der Bildfläche, der nicht nur den Fall Wick erledigt sehen will, sondern auch gegen Winston und dessen Continental-Hotel in New York vorgeht. Wick sucht Zuflucht in der Filiale in Osaka. Und die Jagd beginnt.
Auf den ersten Blick ist in der dritten Fortsetzung um den quasi unkaputtbaren Profikiller alles wie gehabt. Dem visuellen Stil bleibt Dan Laustsen, der abermals die Bilder einfing, treu. Es regieren kräftige, klar abgegrenzte Farben, strukturierte Formen im Bildaufbau und immer wieder mal die Sicht von unten. Räume sollen groß wirken, weit. Wie die als bedeutungsschwanger angelegten Dialoge, die nicht selten mit ihrem Pathos an der Parodie vorbeischrammen. Aber auch das kennt man schon, so funktioniert diese Parallelwelt um Assassinen, Manager und Organisationen eben.
Die bekannten Versatzstücke, die insbesondere in Teil zwei und drei etabliert wurden, finden sich hier wieder. Zum einen geht Stil über alles, es ist nun mal eine visuell erdachte Erzählung. Zum anderen gehört dazu auch der Hang von Regisseur Chad Stahelski und dem von ihm umgesetzten Skript (nicht mehr von Derek Kolstad), Neues zu etablieren. Regeln, Figuren, Orte. Und trotz diesem gewohnten fortschreitenden Worldbuilding fühlt sich die Welt – inhaltlich – so langsam auserzählt an. Das Grundszenario ist letztlich limitiert, das Immergleiche (Regeln, Figuren, Orte) aufzustocken, wirkt dann doch redundant.
Nebeneffekt: Mehr verlangt mehr. Das schlägt sich in der Laufzeit nieder, die mit fast drei Stunden üppig ist. Erreicht wird dies auf Kosten des Flusses, wenn Szenen zwischen den Figuren oder auch denen mit Krawall (ich sag mal vorsichtig „Treppenwitz“) immer wieder mal einen Tick zu lang wirken. Das summiert sich und ich vermisse doch etwas das flotte Durchziehen manches Vorgängers. Auch wird weiter die „Superheldisierung“ der Hauptfigur betrieben, was dazu führt, dass man sich während ihrem Streifzug keinerlei Sorgen um sie machen muss. Abstürze und Aufpralle scheinen keine große Sache zu sein.
Klingt nach viel Kritik, vielleicht negativer als gewollt. Denn die neuen Orte sehen allesamt chic aus, die Regeln wollen die Welt etwas komplexer erscheinen lassen und die neuen Figuren sind letztlich nötig, weil John alles wegräumt, was nicht bei drei im Continental ist.
Und auch Kapitel vier weiß seine Stärken dort auszuspielen, wo die Kernkompetenz der Reihe liegt – der Action. Diese ist wieder fetzig umgesetzt und ebenso choreographiert. Dabei nicht zerschnitten, die hier erreichte Übersicht, besieht man sich das Gezeigte, ist eine Kunst für sich. Grafisch, physisch und auch mit roter Suppe, diese aber leider meist digital. Highlights wie Wicks Weg durch Paris und hier insbesondere die Szene am Arc de Triomphe oder eine chic gebastelte Plansequenz sind mitreißend, was die anderen Krawallkonstrukte aber nicht abwerten soll. Ausufernd sind manche, sehenswert sind alle.
Sehenswert ist auch der Cast, der nicht nur bekannte Figuren wieder auf die Leinwand bringt, sondern prominente Neuzugänge bietet.
Keanu Reeves bleibt die stoische Ein-Mann-Armee, Ian McShane und Laurence Fishburne spielen ihre Rollen weiter, wobei Letzterer hier für mich besser funktioniert als im Vorgänger. Von einer liebgewonnenen Nebenfiguren muss man sich leider verabschieden.
Auf der anderen Seite gibt es mit Donnie Yen, einem voluminösen und doch agilen Scott Adkins und Shamier Anderson durchaus interessante Neulinge, da kann Bill Skarsgard nicht mithalten. Das liegt allerdings nicht an ihm, sondern an seiner Figur. Der Marquis strahlt seine Gefahr rein über seine Position denn über ihre Fähigkeiten aus, er bleibt ein Strippenzieher. Nicht ohne Macht und Einfluss, aber ohne diese direkte Gefahr, mit der Wicks Gegner sonst so um die Ecke kommen. Leider wird nicht jeder Anfang zu einem Ende gebracht (Akira), nicht einmal die Szene nach dem Abspann mag dies fertigzubringen. Und wer letztes Mal schon Bisse in die Nüsse abgefeiert hat, darf sich hier auf eine Neuauflage dieses schon im Vorgänger inflationär eingesetzten Gimmicks freuen.
Wummernde Beats, Köpfe mit Löchern, ausufernde Schießereien und viel Verkehr. Auch Teil vier liefert, was man erwartet. Wenn auch mitunter zu ausgewalzt. Doch mag man Stahelski das nur noch wenig beeindruckende Erweitern der Welt und den mitunter unausgeglichenen Erzählfluss nachsehen, wenn die Action hier derart fetzig und stilsicher präsentiert wird.
Als finales Kapitel (Fragezeichen) liefert John Wicks vierter Leinwandauftritt einen befriedigenden Abschluss. So es denn einer sein soll, unmöglich scheint hier ja nicht mehr viel. Dafür sehr wahrscheinlich, dass man dieses Jahr kein besseres Actionbrett zu sehen bekommt.