Einen recht exotischen Beitrag zu Visionen futuristischer Gefängniseinrichtungen liefert „GoldenEye“ – Regisseur Martin Campbell mit „No Escape“ ab. Anstatt auf eine hochtechnische Einrichtung setzt er auf ein urtümliches Szenario, in dem die Gefangenen sich in zwei Lager spalten. Zivilisation und Pazifismus stehen Barbarei und Gewalt gegenüber. Auf einer Insel isoliert, ohne Kontakt zur Außenwelt fristen sie ihr Leben, ohne je eine Chance zur Rehabilitation zu besitzen.
Auch Robbins (Ray Liotta), ein ehemaliger Elitesoldat, der seinen Vorgesetzten erschoss und Abneigung gegenüber jeglicher Autorität besitzt, wird, nachdem er sich im Gefängnis nicht den Willen des Direktors aufzwingen ließ, auf dieses Eiland verfrachtet, um dort umgehend mit den Outsidern, einem kriegerischen, zusammen gewürfelten Haufen unter dem Kommando des zynischen, schwarzhumorigen Marek (Stuart Wilson), konfrontiert zu werden. Nicht lange fackelnd sorgt er für Respekt, entschließt sich aber nicht dem „Club“ beizutreten, flüchtet und wird schließlich von der friedlich gesinnten Community aufgenommen.
„No Escape“ legt zu Beginn viel Tempo vor, gestaltet sich mit Gefängnis und der anschließenden Verfrachtung auf die Insel abwechslungsreich. Dort wird sofort auf trockene Action und Wortwitz seitens Mareks gesetzt. Die dortigen, an Kannibalen erinnernden, Individuen und ihr hochgezogenes, kleines, in Ruinen erbautes, Camp vermittelt genauso eine postapokalyptische Stimmung, wie die, an ein bäuerliches Dorf erinnernde, Festung der friedlichen Menschen, die optisch etwas von einer religiösen Sekte haben.
Natürlich kommt es in Folge zwischen den beiden Parteien zu kleinen Scharmützeln mit allerlei archaischen Geräten, in denen beide Seiten nicht gerade zimperlich miteinander umspringen, was Campbell dem zufolge auch genau so festhält. Auffällig ist hierbei die Arbeit von Campbells Stammkameramann Phil Meheux („Highlander II – The Quickening“, „Entrapment“), der immer wieder ein paar ansprechende Motive findet, wenn es darum geht die Insellandschaft oder Konflikte aus der Totalen einzufangen.
Frei nach dem Titel wird hier natürlich auch an einer Fluchtmöglichkeit gebastelt, die allerdings etwas zu phantastisch erscheint, als dass man sie mit der zur Verfügung stehenden Technik durchführen könnte. Neben einem fast schon obligatorischen Verräter, friert der Plot erstaunlich lange im Lager selbst ein, was bei einer Laufzeit von fast zwei Stunden negativ auffällt. Das Leben im Lager, die dort lebenden Charaktere und vor allem die dort vorhandene Lebensphilosophie haben zwar ihre Existenzberechtigung, doch oft vergisst Campbell hierbei Fäden wieder aufzunehmen. So bietet sich doch gerade die Verbannung eines Mitglieds zu einer Hinterfragung dieser Gemeinschaft durch Robbins gerade zu an.
Dieser ist sowieso eine etwas widersprüchliche Figur, die sich vom wortkargen und knallharten Einzelgänger, zu einem menschlichen Charakter entwickelt, der einen Jungen unter seine Fittiche nimmt und auch den einen oder anderen Oneliner abliefert. Ach ja, erwähnt er nicht, dass er keine Hubschrauber fliegen kann? Ray Liotta („Narc“, „Identity“, „Hannibal“) ist sicher ein unterschätzter Schauspieler, doch in dieser Rolle schien er sich gar nicht oder kaum wohl zu fühlen. Anders ist sein einsilbiges Mienenspiel hier kaum zu erklären.
Fazit:
Martin Campbells „No Escape“ ist dank kleinerer logischer Defizite (Warum sieht Ernie Hudson immer wie frisch frisiert aus?) nicht der große Wurf, der er hätte werden können. Der Plot läuft nach bekanntem Schema ab, Ray Liotta und Lance Henriksen sind nicht in Bestform und Stuart Wilson allein kann es hier nicht reißen. Aus dem nicht alltäglichen Szenario wird kaum etwas gemacht, während die Kämpfe zwar explizite Details offenbaren, aber auch etwas ausufernder hätten sein können. Insgesamt reicht es nur zu einem brauchbaren Genrebeitrag, dem ein leichter B-Touch anhaftet. Angenehme Kost, mehr nicht…