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Obwohl sich die deutsche Filmlandschaft meist als nicht sehr ambivalent gestaltet, so hat sie doch von Zeit zu Zeit Produktionen aufzubieten, welche über das Genre der preisgünstigen Nonsense-Komödie hinausgehen und neue Gebiete erschließen. Ein Beispiel dafür ist „Das Experiment". Angelehnt an ein real stattgefundenes psychologisches Experiment an der amerikanischen Stanford University in den 70er Jahren erzählt der Film davon, wie eine scheinbar banale Rollensituation zwischen Häftlingen und Gefangenen mit zunehmender Dauer eskalieren kann.

Die Story: Eine Gruppe von Freiwilligen wird in 12 Gefangene und 8 Wächter in einer Gefängnissituation aufgeteilt. Unter den Gefangenen befindet sich der aufmüpfige Taxifahrer Tarek (Moritz Bleibtreu, „Solino"). Mit der Zeit steigert sich das Spannungsverhältnis zwischen Strafvollzugsbeamten und Häftlingen soweit, dass die Situation vollkommen aus dem Ruder läuft und lebensbedrohliche Formen annimmt...

„Das Experiment" ist ein Glücksfall: ein hoch spannender, beinharter Psychothriller made in Germany, wobei „Psycho" hier wörtlich gemeint ist. Der Film zeichnet die Entwicklung nach von latenter Frustration, über Gehorsam hin zu Aggression bis hin zur Eskalation auf Seiten der Wärter; die Häftlinge lernen Erniedrigung und Strafe kennen. Dabei sind die Charaktere zwar scheinbar Klischees, entsprechen aber typischen Rollenmustern: Da hätten wir unter den Wärtern den Sadisten, den moralischen Opponenten, den Mitläufer etc., bei den Häftlingen wie gesagt den Aufmüpfigen, den Duckmäuser, den Labilen usw. Dabei wird die Situation umso beklemmender, als dass die überwachenden Psychologen hin und her gerissen sind zwischen Forschungsdrang und gesundem Menschenverstand, die angespannte Situation zu beenden. Denn neben psychischen Sanktionen wie nackt und ohne Betten die Nacht zu verbringen oder in eine „Black Box" eingeschlossen zu werden, werden zunehmend auch physische eingesetzt. Doch entgegen dieser tiefenpsychologischen Analytik hat „Das Experiment" auch so seine Schwachpunkte. Die eingeflochtene Nebenhandlung von der Unfall-Bekanntschaft wirkt überflüssig und in den Erinnerungs-Sequenzen zu gekünstelt, die Hochglanz-Optik wirkt fehl am Platz. Doch abgesehen davon hat Regisseur Oliver Hirschbiegel („Ein ganz gewöhnlicher Jude") dennoch einen packenden, beklemmenden und intensiven Psychothriller geschaffen.

Fazit: „Das Experiment" ist ein Stern am Himmel des deutschen Films. Wenn auch mit kleineren Schwächen behaftet ein harter und abgründiger Trip durch die grausame menschliche Seele, der sich durchaus mit Hollywood-Thrillern erster Klasse messen kann. 

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