Leute, ich bin erledigt! Dieser Film kann einen schaffen, auch wenn man so hartgesotten ist, wie ich selbst nach all den Jahren.
"Das Experiment" reduziert und fokussiert die Emotionen des Zuschauers bis auf das nackte, urmenschliche Gerüst, wenn es heißt "überleben oder sterben" und präsentiert sich so als hervorragende Manipulationsmaschine auf der Leinwand und im Kinosaal.
Doch der Reihe nach: das ist keinesfalls leichte Kost, die hier aufgefahren wird, so viel sollte klar sein. Was harmlos und ein wenig zu sehr verspielt deutsch beginnt (Einführung Hauptdarsteller, incl. kurzfristiger Liebschaft, Darstellung der Grundsituation), wirkt noch völlig unemotional und nüchtern, fast desinteressiert. Während man noch leise befürchtet, daß die Liebesgeschichte das interessantere Experiment zukleistern wird, ahnt niemand, daß man noch durch eine psychische Knochenmühle erster Klasse geschleust werden wird.
In ruhigen Schritten, leise humorvoll, führt Regisseur Hirschbiegel in das Experiment rund um die Gefängnissimulation ein, präsentiert Schauplatz und gibt die Gruppen vor. Nachdem er ein paar Charaktere vorgeführt hat, schleichen sich langsam aber sicher die Mißtöne in die Symphonie ein, erste Repressalien, Tareks Aufmucken, sein kleiner Ausbruch, die harte Reaktion. Und in einer klassischen Spirale geht es mit der Psyche aller Anwesenden abwärts.
Wer jetzt noch glaubt, hier würde das Original-Stanford-Experiment abgebildet, daß nach den ersten Grausamkeiten abgebrochen wurde, wird bald eines besseren belehrt. Mit jeder Minute hängt der Wahnsinn mehr über dem Zellenblock und dem Zuschauer bleibt kein Ausweg. Die Verantwortlichen bleiben schwach, die Wärter driften zwischen Psychose und Hilflosigkeit, die Insassen rasten langsam aber sicher aus, Tarek selbst bekommt keine von ihm eingeplante Hilfe.
Langsam aber sicher wird dem Zuschauer auch Liebschaft Dora immer mehr zum Rettungsanker. War sie erst Störfaktor, wünscht man bald, sie würde Tarek nicht durch das Experiment und seine Anwesenheit verloren gehen. Noch später wird sie der einzige Kontakt zur Außenwelt für alle Anwesenden, ein abgeklärter Kopf, der nicht ahnt, in welchem Inferno sie herumstapft.
In der letzten halben Stunde schließlich wird das Ventil dann von der Regie fast gänzlich zugedreht - der Druck auf Figuren und Zuschauer steigt beständig.
Und aus der Abwärtsspirale wird eine Schußfahrt in die Dunkelheit, wenn es nur noch um das nackte Leben geht.
Das Drehbuch packt eine schmerzhafte Szene auf die nächste und senkt so die Hemmschwelle auf beiden Seiten, bis der Druck einfach übermenschlich wird. Und während auf der Leinwand ein menschliches Inferno ausbricht und in Blut und Toten endet, reduziert sich der Kinobesucher auf die nackte Emotion, will ebenso weg wie die Gefängnisinsassen, will einfach nur noch, daß der Wärter Berus (Justus von Dohnanyi bringt eine Weltklasseleistung, die direkt aus "Die Welle" und "Herr der Fliegen" übernommen sein könnte.) zusammenschlagen oder besser abgeschlachtet wird, will nur noch hier raus.
In einer extrem brutalen Schlußsequenz in der Uni-Küche haben sie mich dann auch erwischt, ich gebe es zu, wie ich halblaut gejubelt habe, als den Geschundenen Gerechtigkeit widerfährt.
Klar, da hat die Manipulationsmaschine funktioniert - aber wer schafft das heute noch so intensiv, so nüchtern, so nah an der Realität. Sicher, die Geschehnisse sind Fiktion und die Verantwortlichen sind so klischeehaft schwach und unlogisch klein an der Zahl dargestellt worden, doch Hirschbiegel inszeniert weniger Hollywood, sondern bewahrt sich einen halbdokumentarischen Realismus, der bis auf die Knochen geht.
Hier trifft jeder Schlag hart und lassen die Ereignisse die Zuschauer mit offenem Mund zurück, um sich gleich darauf wieder zu überfahren.
Wenn bei alldem irgendwelche Zivilisations- oder Wissenschaftskritik untergebracht wurde, so geht sie leider etwas unter. Stattdessen bleibt ein Trip zu den Auswirkungen der finstersten Abgründe der menschlichen Psyche, die den meisten Zuschauern offenbar zuviel war, denn selten wurde ein Kino so schnell so gründlich geräumt.
Nichts zum Genießen, nur zum Erfahren.
Ich brauchte danach dringend was Leichteres für die Psyche - zum Glück gabs gerade "Millenium".
(8/10)