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Es gibt zwei grundlegende Arten von Filmen: welche die möglichst realistisch sein wollen und ihren Meister in Quentin Tarantino gefunden haben, und welche die das erst gar nicht versuchen sondern gleich in Phantasiewelten entführen (Arnold Schwarzenegger läßt grüßen). Und es gibt deutsche Filme. Diese haben naturgemäß den Hang zur Abbildung urdeutscher Realitäten. Hier will jetzt Oliver Hirschbiegel's Experiment mitspielen.

Die "Versuchskaninchen" erhalten pro Person 4000 DM (für alle Kids: das sind etwa 2000 Euro), wenn sie 14 Tage an einer Studie teilnehmen und durchhalten. Zwei Gruppen: 8 Wärter und 12 Gefangene, letztere tatsächlich unter vollständigem Verzicht ihrer Privatsphäre und teilweiser Grundrechte. Das ganze nennt sich salopp "Experiment" und was jetzt noch relativ erfunden klingt ist es gar nicht: Realität pur, der Film basiert auf einem tatsächlich in Stanford durchgeführten Experiment. Also entstand automatisch der Druck auch in der hier vorliegenden Verfilmung realitätsnah und -getreu zu bleiben.

Ausgestattet mit Geheimdienstequipment (Minikamera in Brille und Walkman als getarntes Aufnahmemedium) mischt sich der Taxifahrer und freie Journalist Tarek Fahd unter die Menge und wird als Gefangener Nr. 77 eingeteilt. Anfänglich unbekümmert ("Welches Tier hat nur eine Schamlippe? Ein halbes Hähnchen!") beginnen die Gefangenen und die Wärter ihr Experiment, ahnungslos der Dinge die ihnen harren. Doch bereits am Folgetag schleicht sich eine Änderung der Persönlichkeiten ein die zunehmend immer schneller voranschreitet. Aus anfänglicher Freundschaft zwischen Wärtern und Gefangenen verhärten sich die Fronten bis schlußendlich Feindschaft, Unterdrückung und sogar brutalste körperliche Gewalt dieses Experiment prägen.

Und genau an dieser Stelle wurde das tatsächliche Experiment abgebrochen. Das hätte man auch besser mit dem Film machen sollen, denn man merkt deutlich wie nun Erfindung und Fiktion Einzug halten, der Film wird unrealistisch, dann blöde, beginnt zu nerven und wird letztlich fast lächerlich.

Gut inszeniert sind die psychischen Sequenzen und Darstellungen. Fein ausgearbeitet die Psychologie des Protagonisten Nr. 77 wie er sich nicht unterordnet und Revolten anzettelt. Erschreckend nachvollziehbar und Spiegelbild unserer Selbst, wie Wärter Berus vom Mauerblümchen und beamtenmässigen Zivilversager zum Oberaufseher mutiert, die Macht riecht und ergreift, sich aufspielt, besessen wird und völligen Realitätsverlust erleidet. Nachvollziehbar auch die Demütigungen, die schnell zur Tagesordnung werden (öffentliches Vorlesen des Briefes von Schütte, nackt in der Zelle, Klo mit Kittel putzen).

Diesen für mich wesentlichen Teil hätte man stärker ausprägen sollen, einen psychisch brutalen Film schaffen, ohne dies nun in einem abgefahrenen körperlich gewalttätigen Showdown darzustellen. Dieser nimmt dem Film die Ernsthaftigkeit und versaut den mühsam aufgebauten Psychoterror. Der Leiter des Experiments verliert völlig die Kontrolle, verläßt sogar im entscheidenden Moment die Universität und ist zudem nicht erreichbar. Überhaupt das "Personal" - wieso so wenige? Als der Übergriff der Wärter auf die Experimentleitung geschieht, sitzt nur einer alleine vor den Überwachungskameras - und bekommt nichtmal mit, was abläuft. Folge: er wird übertölpelt, später seine Kollegin, diese sogar beinahe vergewaltigt. Ebenso unnötig und unrealistisch der Ausbruch aus der Blackbox. Mußte das wirklich passieren, damit der Film zum Ende kommt? Eine Befreiungsaktion wäre unter Realitätskriterien besser gewesen.

Nichtsdestotrotz ein Film der den Zuschauer fordert, fesselt und ihn an seine eigenen menschlichen Abgründe führt. Wir bekommen knallhart präsentiert, wie unzulänglich unser menschliches Ich doch eigentlich ist, wie triebgesteuert wir alle sind, wie wenig uns vom Tier unterscheidet wenn "es drauf ankommt". In knappen zwei Stunden reisen wir als Zuschauer in eine abstrakte Welt, die in ihrem Ergebnis so entsetzlich wie nachvollziehbar ist. Etwas weniger (sinnlose und dem Plot nicht hilfreiche) Gewalt und dafür auch im letzten Drittel mehr gesteigerter Psychoterror - "das Experiment" wäre perfekt verfilmt.

(8/10)

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