„Wenn er zu Menschen so nett gewesen wäre wie zu Motoren, hätt‘ er auch ‘ne Frau gehabt…“
Unter der Regie Sebastian Kos, der mit „Donuts“ bereits seinen sechsten „Tatort“ inszenierte, verschlägt es das Bremer Ermittlerinnen-Duo Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) nach Bremerhaven. Die Mischung aus Krimi und Familien-/Beziehungsdrama wurde von Ko zusammen mit Mathias Schnelting geschrieben und am 2. April 2023 erstausgestrahlt.
„Die Heimat umarmt mich wie ein böser Tiger…“
Im Bremerhavener Autoumschlaghafen wird die Leiche des Bereichsleiters gefunden, Mörder und Motiv sind unbekannt. Die Bremer Kommissarinnen Liv Moormann und Linda Selb nehmen die Ermittlungen auf und müssen sich wohl oder übel mit den örtlichen Kollegen arrangieren, wobei sich Selb alsbald zu einem Termin nach Brüssel verabschiedet. Dafür stößt der Bremerhavener Kollege Robert Petersen (Patrick Güldenberg, „Sonnenallee“) dazu, der Moormann bei ihren Ermittlungen konstruktiv zu unterstützen versucht. Sie kennt ihn ebenso noch von früher wie eine verdächtige junge Frau (Luisa Böse – wat’n Name!), die der örtlichen Auto-Tuning-Szene angehört und mit einem der Neffen des Toten, dem vorbestraften Autoschrauber Gheorghe (Adrian But), liiert ist: Es handelt sich um ihre Halbschwester Marie…
Ein blutiger Leichenfund in Bremerhaven, die Polizei ermittelt an einem für Bremer „Tatort“-Verhältnisse ungewöhnlichen Ort. Parallel dazu zeigt Ko die Neffen Gheorghe und Oleg (Jonas Halbfas) des Toten, von denen Oleg das Down-Syndrom hat, aber liebevoll von seinem knasttränentätowierten Bruder umsorgt wird. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass dieser vorbestrafte, drahtige junge Autonarr doch eigentlich so verkehrt gar nicht sein kann. Zusammen mit Marie halten sie sich gern in ihrer Werkstatt auf, denn für neue, schnelle Autos interessieren sich alle drei – und „leihen“ sich nachts gern mal unbemerkt das eine oder andere Modell aus, um es „probezufahren“, worum sich eine kleine Szene gebildet hat. Diese fährt gern mal den titelgebenden „Donut“, also einen Kreis mit quietschenden Reifen. Auto-Poser-Klischees von sich in Innenstädten an den Ampeln waghalsige, gemeingefährliche Rennen liefernde Idioten werden dabei interessanterweise eher ausgespart, während die Kamera sich um die Ästhetisierung der Fahrzeuge bemüht. Relativ früh wird eine (ob des Sujets auf der Hand liegende) Verfolgungsjagd in die Handlung integriert.
Zum Rätsel um den Mörder und dessen Motiv gesellt sich bald die Frage, ob Moormann ihre Halbschwester schützt. Wurde in den vorausgegangenen Episoden Moormanns soziale Herkunft aus der Unterschicht bereits angesprochen und thematisiert, geht man diesbezüglich hier in die Vollen: Nicht nur ihre Halbschwester, auch ihre Mutter (Angelika Richter, „Stromberg“), eine offenbar alkoholkranke Frau, der es schwerfällt, Verantwortung zu übernehmen, lernt man kennen. Das muss man in so einem Krimi nicht mögen, scheint aber fester Bestandteil des aktuellen Bremer „Tatort“-Zweigs zu sein und ist aufgrund des Schauspiels aller Beteiligten nicht schlecht gemacht – wenngleich es zwischenzeitlich angesichts schnelle Autos fahrender Jugendlicher und einer feiernden und vögelnden Mutter auf der einen und der genervten, angestrengten Liv auf der anderen Seite unfreiwillig so aussieht, als hätten die einen Spaß und seien die anderen eben bei den Bullen. Tatsächlich werden diese nicht sonderlich sympathisch dargestellt: Das Kompetenzgerangel in Bremerhaven nervt nicht nur Moormann, die sich daraufhin gerademacht.
Diversität wird hier großgeschrieben, was im Falle Olegs gut funktioniert, im Falle Petersens aber sehr erzwungen wirkt: Dass er homosexuell ist, erfährt man, als der schlimmste Arschlochbulle Bremerhavens ihn beschimpft und spielt ansonsten keine Rolle. Ein Dialog für die Checkliste? Über solche Details lange nachzudenken bleibt aber keine Zeit, denn eine ebenso überraschende wie krasse Wendung hat einen weiteren Toten zur Folge. Dies verleiht diesem „Tatort“ weiteren Sprengstoff, spitzt ihn weiter zu, hätte es für den eigentlichen Fall aber nicht gebraucht. Dieser war ohnehin weitgehend in den Hintergrund gerückt und fand (Achtung, Spoiler!) seine Auflösung im Industriespionagebereich statt unter kleinkriminellen Autofreaks, für die dieser „Tatort“ seine Sympathie nicht verhehlt. Zumindest kurzzeitig mit fabrikneuen Bonzenkarren seinen Spaß zu haben ist schließlich auch eine Art von Klassenkampf. Die melancholischen Momente gegen Ende wissen zu gefallen, wenngleich „Donuts“ unterm Strich mit seiner Krimi/Drama-Melange, die auf eine persönliche Ermittlerinnen-Ebene zugeschnitten wurde, eine reichlich unwahrscheinliche Geschichte erzählt – dies jedoch mit einigem Stilwillen, (geschmacklich fragwürdigem) modernem Hip-Hop und überzeugenden schauspielerischen Leistungen. Da verzeiht man es auch, dass zunächst ein PS-Action-Thriller angetäuscht wird, der „Donuts“ nun wiederum wirklich nicht ist.
Einen Gruß lässt übrigens Mads Andersen (Dar Salim) da, der sich kurz per Video mit Selb aus deren Auto meldet. Ein Hinweis auf eine Rückkehr zum Bremer „Tatort“-Zweig?