Mit rund 90 Jahren lassen Einfallsreichtum und Finesse zwangsläufig ein wenig nach und so sollte man selbst bei einem Roman Polanski keinen zweiten „Tanz der Vampire“ erwarten. Seine Grandhotel-Satire bindet immerhin zahlreiche Anekdoten ein, die ein wenig über die Inkonsequenz der Geschichte hinwegsehen lassen.
Das Luxushotel Paradise in den Schweizer Alpen 1999: Nur noch wenige Stunden bis zur großen Sylvesterparty und Hotelmanager Kopf (Oliver Masucci) hat alle Hände voll zu tun und ist bemüht, es den Gästen so komfortabel wie möglich zu gestalten. Doch während Mitternacht immer näher rückt, gerät einiges aus dem Ruder…
Polanski rechnet in geballter Form mit den dekadenten Neureichen ab und lässt im Kontrast dazu am Rande das Schicksal einiger vergleichsweise armen Leute einfließen. Es gibt einen Schönheitschirurg, der auch im Hotel von seinen ehemaligen Kundinnen angequatscht wird, ein dubioser Investor (Mickey Rourke) will pünktlich zum Jahreswechsel den großen Coup landen, wird jedoch von seinem unbekannten Sohn und dessen Familie aus Prag besucht, dann gibt es den senilen Milliardär (John Cleese) und seine 70 Jahre jüngere Frau, dazu russische Gangster, eine Marquise (Fanny Ardant) mit ihrem empfindlichen Pinscher und einen kleinen Pinguin.
Zunächst gibt die Erzählung ordentlich Gas, um die wesentlichen Figuren im Eiltempo einzuführen, was teilweise mit nur wenigen Momenten ins Schwarze trifft, wenn etwa völlig verunstaltete Schabracken mit den Versuchen breiten Grinsens auf den Chirurgen zuwatscheln oder die Russen mit großem Tamtam nebst Bodyguards, Models und großen Koffern einchecken, während das Personal von exzentrischen Sonderwünschen gepeinigt wird.
Die Dekadenz wird mit überzogenen Momenten, wunderbarer Ausstattung und übertriebenen Gesten hervorragend auf den Punkt gebracht.
Doch während der starke Score von Alexandre Desplat die teils skurrile Stimmung im Alleingang vermittelt, kristallisieren sich auch manche Schwachpunkte einzelner Episoden heraus. Fäkalhumor in Richtung Hundekacka auf dem Bett hätte es nicht gebraucht und die Funktion eines ehemaligen Pornodarstellers bleibt komplett unterentwickelt. Vielmehr noch: Je länger das Treiben andauert, umso vager verbleiben die meisten Schicksale ohne Pointe.
Trotz grotesker Einzelmomente kommt es kaum zu Quintessenzen, am Ende muten viele Ansätze gar recht willkürlich an.
Dagegen kämpfen die Mimen allerdings mit grundsolidem Einsatz an. Masucci mimt den Inbegriff des um Kontenance bemühten Managers, Rourke scheint hingegen beinahe sich selbst zu spielen, während die besten Szenen auf das Konto von John Cleese gehen, der in einigen Szenen aufgrund eines bestimmten Gesichtsausdruck unweigerlich zum Lachen anregt. Nicht zuletzt mithilfe des Make-ups bereiten einige Erscheinungen schlicht Freude.
Und so liefert Polanski mit seinem Spätwerk eine zweischneidige Angelegenheit: Teils wirkt der Humor recht altbacken und beinahe angestaubt, andererseits gibt es starke Einzelmomente im Zusammenspiel der versierten Mimen, während die technische Ausstattung (bis auf ein, zwei Ansichten per CGI) überaus gelungen ist und ein Flair wie eine Zeitblase vermittelt.
Das größte Manko bleibt allerdings die Willkürlichkeit der Anekdoten, denen es am Ende an brauchbarer Resonanz mangelt.
Knapp
6 von 10