*** SPOILERWARNUNG ***
Nachdem das Abenteuer rund um den Kristallschädel schon eine ganze Weile auf sich hat warten lassen, vergingen nun wiederum fünfzehn Jahre, bis Dr. Henry Jones jun. es erneut auf die Leinwand geschafft hat. Dabei liegt der Beginn des Unterfangens schon sehr weit zurück, denn schon vor „Raiders of the Lost Ark“ (1981) ging es um einen Vertrag über insgesamt fünf Filme. Hat eben nur eine ganze Weile gedauert.
Dabei kursierten schon kurz nach dem vierten Teil aus dem Jahre 2008 diverse Ideen für diesen (als solchen kommunizierten) letzten Teil. So dachte George Lucas daran, die Reihe mit dem von Shia LaBeouf verkörperten Sohnemann weiterzuführen, wobei Ford quasi die Rolle von Sean Connery aus „The Last Crusade“ (1989) einnehmen sollte. So kam es dann nun nicht (danke dafür). Nach der Übernahme von Lucasfilm durch Disney wurde 2015 eine Fortsetzung der Filmreihe angekündigt und wieder sollte Steven Spielberg auf dem Regiestuhl sitzen. Weitere Jahre zogen ins Land, das Skript ging durch viele Revisionen und besieht man sich die Geschichte, wer da alles seine Finger im Spiel hatte – da mag Skepsis aufkommen. David Koepp, Jon Kasdan, Dan Fogelman, wieder Koepp, Jez und John-Henry Butterworth und schließlich auch James Mangold. Letzterer ersetzte dann noch Spielberg und übernahm die Regie. Somit ist dies der erste Film der Reihe, der nicht von Spielberg inszeniert wurde und auch Lucas schrieb hier nicht mit. Die beiden großen Köpfe fehlten also, wenn sie auch als ausführende Produzenten irgendwo dabei waren (leider fehlt auch der Übergang des Paramount-Logos in irgendwas, aber das nur am Rande).
Verschiebungen reihten sich aneinander, eben wegen der Erstellung des Skripts, dann wegen der Pandemie, nun ist der Film endlich zu sehen.
Und das Erste, was man sieht, ist die Vergangenheit. Am Ende des zweiten Weltkriegs ist Jones mal wieder hinter einem Artefakt her, es ist die Lanze des Longinus. Von den Nazis erst gefangen genommen, kämpft er sich seinen Weg frei. Sein Freund Basil Shaw bringt ihn dabei auf die Spur eines anderen Gegenstands - das Antikythera. Es ist ein Teil eines Mechanismus', geschaffen vom großen griechischen Mathematiker Archimedes, der etwas mit dem Fluss der Zeit zu tun hat. Und so sind auch Jahrzehnte später nicht nur alte Feinde, sondern auch die Tochter von Shaw dahinter her.
Diese ist nicht nur Indys Patenkind, sondern auch der Auslöser für ein letztes großes Abenteuer des in den Ruhestand gehenden Dozenten. Es ist das Jahr 1969, kurz nach der Mondlandung. Seine Zeit am Hunter College in New York ist zu Ende, er kippt sich gerne mal was in den Kaffee, von Marion ist er inzwischen getrennt. So zeichnet das Skript zu Beginn nach all dieser Zeit ein schon etwas klägliches Bild eines alten Mannes, der viel verloren hat und vor sich hin lebt. Das Aufeinandertreffen mit Helena Shaw vitalisiert ihn allerdings und schon bald geht es auf die Reise.
Diese ist wieder effektvoll inszeniert und gerade zu Beginn bekommt man eine ziemliche Klassikerdröhnung mit einem digital verjüngten Ford, Nazis und einer Hatz durch und über einen Zug. Hier bekommt man alles, quasi ein Best-Of der Reihe mit Action und Witz. Das De-Aging ist dabei durchaus in Ordnung, trotzdem sichtbar. Diese Sequenz ist eigentlich schon das Highlight, was an der Nostalgie liegt, die der Auftritt der bekannten Figur in dieser Form verströmt. Ein Gefühl, das der von Mangold inszenierte Film später immer wieder mal beschwören möchte, es aber nicht recht schafft. Dazu wirkt die Figur des Jones mitunter zu passiv. Wollte er früher die Geheimnisse selbst ergründen und obsiegte immer seine Neugier, so wird er hier quasi genötigt. Letztlich gibt er dem nach, doch wirkt er lange wie ein grummeliger alter Mann, der einfach nur seine Ruhe haben will. Klingt auch ein bisschen nach Ford selbst.
Es geht wieder um einen klassischen Gegenstand, hinter dem alle her sind und der Verderben bringen könnte. Dieses Mal nicht der Religion entlehnt, die alten Griechen dürfen als Ursprung herhalten. Und schon kam wieder der Gedanke auf, warum man nicht damals gleich mit der grandiosen Vorlage aus "The Fate of Atlantis" weitergemacht hat. Besehe ich mir Teil vier und fünf, ich hätte es mir einfach gewünscht. Trotzdem ist das Thema wieder gut gewählt, wirkt irgendwie "näher" als der Kristallschädel aus dem Vorgänger. Dass man gegen Ende dann tatsächlich im antiken Griechenland landet ist einerseits schon ziemlich drüber und ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob es lächerlich oder konsequent ist. Andererseits erlebt man hier die Erfüllung eines Traums der Hauptfigur. Das, was er ein Leben lang untersucht und erforscht hat, bietet sich ihm nun lebendiger denn je.
Die Hatz nach den Teilen des Artefakts führt die Helden an diverse Orte, die Reisen wieder unterlegt mit dem bekannten roten Strich auf der Landkarte und dieses Mal war man auch wieder mehr vor Ort. Gedreht wurde unter anderem in Schottland, auf Sizilien und in Marokko, natürlich auch in den USA und wie gewohnt in den Pinewood Studios bei London.
Wie viel letztlich real ist und was alles vor einer blauen oder grünen Wand stattfand – manchmal ist das schwer zu sagen. So einige Shots wirken sehr artifiziell und reißen aus der Immersion, gerade bei der Astronautenparade. Das kann aber auch einen anderen Grund haben, der sich durch den gesamten Film zieht und einer der großen Kritikpunkte darstellt.
Orientierte sich beim Vorgänger Kameramann Janusz Kaminski noch an den (für das Franchise) unerreichten Bildern von Douglas Slocombe, fehlt Phedon Papamichael hier jedes Gespür für den Bildausschnitt. Die Kamera ist so oft derart nah an den Figuren, Gesichtern oder Objekten, dass jeder Raum kleiner wirkt. Es entsteht kein Gefühl für Weite, diese bildliche Epik, die es manchmal einfach braucht. Das beschneidet nicht nur die Wahrnehmung für die Umgebung, sondern auch die Übersicht in den zahlreichen Actionszenen.
Diese sind in der Summe durchaus ansprechend erdacht. Die erwähnte Zugsequenz am Anfang ist top, es folgen diverse Verfolgungsjagden, es wird geschossen und geprügelt. Alles wie gehabt. Nur sind die Bilder eben oft nicht so gewählt, dass da viel rüberkommt. Das Sounddesign dreht dafür ordentlich auf (bis auch der Wilhelm wieder schreit).
Natürlich ist es schön, Ford und Indy wieder auf der Leinwand zu sehen. Doch ging die Zeit an beiden nicht spurlos vorbei und die Frage, ob man einen Senior derart herumscheuchen muss, bleibt bestehen. Das Ende in Teil vier forderte nicht unbedingt eine weitere Auflage. Das Alter und was Jones in der Zwischenzeit erlebt hat, es wird kurz angerissen. Verweise auf „Temple of Doom“ (1984) und die Erwähnung seines Sohnes, im letzten Film noch von Shia LaBeouf verkörpert, stechen heraus. Der Tod von Mutt Williams im Krieg und der darüber stattgefundene Bruch mit Marion zeichnen die Figur. Ford kennt diese, spielt sie gewohnt, nur eben weniger agil. Was darin endet, das einiges hier auf andere Figuren ausgelagert wird.
Prominentester Neuzugang ist Phoebe Waller-Bridge als sein Patenkind Helena. Und ist sie auch immer wieder Auslöser und Antrieb, sie wird nie richtig nahbar. Waller-Bridge spielt das schon ordentlich, doch wird die Figur Helena nie sympathisch. Sie bleibt ein Zusatz, genauso wie ihr Sidekick Teddy, der in meinen Augen verzichtbar ist.
Mit Mads Mikkelsen macht man generell nichts falsch, als Alt-Nazi-Schurke Jürgen Voller schon gar nicht. Füllt er die Figur auch charismatisch aus, wirkt er insgesamt wenig gefordert. Da wäre mehr drin gewesen, auch in den Interaktionen zwischen Indy und ihm. Mit seinen Minions jagt er eben dem Artefakt hinterher, diverse Zusammentreffen mit Team Jones inklusive. Sein Abgang ist leider relativ unspektakulär, fast schon beiläufig in dem völlig ausufernden Szenario, das der Film im Finale noch aufmacht.
Gern gesehen ist auch Toby Jones als Basil Shaw und ansonsten gibt es ein Wiedersehen mit John Rhys-Davis als Sallah und auch Karen Allen als Marion darf am Ende mal reinschauen. Sie wieder mit Jones vereint zu sehen, dabei eine kleine Szene aus dem Erstling rezitierend, ist ein wundervoller Moment. Dieser bildet nun das Ende und immerhin diese Szene bringt in so kurzer Zeit so viel Wärme rüber. Doch erinnert sie auch daran, wie wenig emotional es in den vorangegangenen zwei Stunden zuging. Überhaupt ist der Film recht humorbefreit, die Lockerheit geht ihm einfach ab.
Eine Konstante in der Filmreihe bleibt John Williams, der auch hier wieder für die musikalische Untermalung sorgt. Und es sind nicht nur die schon bekannten Klänge, die das Herz (und das Ohr) höher schlagen lassen, der Score zum nunmehr fünften Teil ist wieder ein gelungenes Werk, das sowohl die klassischen Elemente aufleben lässt, als auch neue Themen bietet. Und da auch Williams nicht mehr der Jüngste ist, darf man für diese Arbeit auch einfach nur mal dankbar sein. Sein klassisches Verständnis der Komposition geben dem Film bei allem „modernen“ Gewand diesen schönen, altmodischen Anstrich.
Der Abschied ist weder so gut noch so schlimm, wie er hätte sein können. "Dial of Destiny" wird aber teils auch durch seine eigene (Film-)Vergangenheit gerettet. Am Ende war es noch einmal schön, den Helden und auch Harrison Ford in eben dieser Rolle auf der Leinwand zu sehen.
Doch macht sich auch Ernüchterung breit. Und das nicht nur ob der in meinen Augen wenig gelungen Kameraarbeit. Es fehlt an Witz, Entdeckertum und auch Abenteuerstimmung über mehr Abschnitte, als dem Film guttut. Wäre es nicht dieses Franchise mit seinen teils grandiosen Vorgängern und der in ihnen etablierten Figur, es wäre vielleicht egaler.
Immerhin bekommt man noch einmal einen famosen Score von John Williams, einen tollen Einstieg, ein paar gelungene Momente und ein emotionales Ende. Und doch – wäre nach Teil drei Schluss gewesen, meinetwegen. Außer natürlich, man hätte sich doch noch Atlantis angenommen.