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Jäger des verlorenen Legendenstatus

Ein früher Tod ist die beste Garantie für Legendenstatus. Wer weiß welchen Ruf heute Alexander der Große oder James Dean genießen würden, wären sie nicht in der Blüte ihres Lebens und auf dem Höhepunkt ihres Ruhms dahin gerafft worden. Der hemdsärmelige Archäologe Indiana Jones hat mit beiden etwas gemein, schließlich geht es bei ihm sowohl um Altertumswissenschaften wie auch um Filmgeschichte. In jedem Fall ist er ebenfalls eine Ikone, fragt sich nur ob das auch so bleiben wird. Den anders als bei den beiden oben Genannten gab es keinen radikalen Cut und auch kein Abtreten auf dem Zenit.

19 Jahre nach Abschluss der umjubelten und in die Popkultur eingegangenen Urtrilogie entschlossen sich Regisseur Steven Spielberg und Autor George Lucas den berühmtesten Archäologen der fiktiven wie auch der realen Geschichte wiederzubeleben. Das Ergebnis sorgte wirtschaftlich für Silvester-, emotional aber für Katerstimmung. Was war geschehen? Nun, die ikonische Strahlkraft des Charakters sowie seiner Abenteuer war so übermächtig, dass die Schlacht schon verloren war, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Anders ausgedrückt, es war offenbar schier unmöglich die gleiche Wirkungsmacht zu erzeugen, geschweige denn sie zu übertreffen. Dazu kamen fiese Fallen wie veränderte Sehgewohnheiten, zeitgemäßere Tricktechnik, ein sichtlich gealterter Held und nicht zuletzt ein Regisseur, der sich inzwischen mit deutlich ernsteren und erwachseneren Stoffen etabliert und eingerichtet hatte. Kurz, die Enttäuschung vieler Fans war größer als es der vermeintliche Qualitätsverlust hergab, womit die Legende einen unschönen Kratzer bekam.

Nun stellte sich also die Gretchenfrage, ob man es dabei belassen, also quasi mit einem blauen Auge davon kommen, oder ob man noch einmal alles auf eine Karte setzen sollte bzw. wollte, um die Scharte wieder auszuwetzen. Bekanntlich entschied man sich für letzteres, angesichts der beschriebenen Ikonen-Gesetzmäßigkeit sowie der unerfreulichen Erfahrungen mit Film Nummer 4 sicher ein sehr mutiger Vorstoß, vielleicht aber auch ein sehr dummer. Zumindest die Rahmenbedingungen ließen wenig gutes erhoffen. So verschob man das Projekt immer wieder, was nicht nur das Alter von Hauptdarsteller Harrison Ford, sondern auch das Produktionsbudget in schwindelerregende Höhen trieb. So sah man sich am Ende mit einer Situation konfrontiert in der ein fast 80-jähriger Hauptdarsteller die jugendlichen bis juvenilen Massen ins Kino ziehen musste, um dem produzierende Disney-Studio nicht die nächste Pleiten-Breitseite zu verpassen. Quasi eine Mission Impossible - und kein Tom Cruise weit und breit.

Immerhin hatte man sich die Fehler- und Mängelliste von "Indiana Jones 4" ganz genau angesehen und akribisch abgearbeitet. Also raus mit dem unsympathischen Sohnemann, allzu offensichtlichen CGI-Spielereien und den im mythischen Altertumskontext reichlich deplatzierten Aliens. Und siehe da, vieles ist nun plötzlich runder, passender, more Indy-like als beim Vorgänger. Die britische Comedy-Queen Phoebe-Waller Bridge macht als Patentochter des grummeligen Rentner-Abenteurers eine weit bessere Figur als seinerzeit der bubiartige Marlon-Brando-Verschnitt Shia Labeouf. Die kabbeligen Zänkereien erreichen zwar nie Wort- und Situationswitz derjenigen zwischen Sean Connery und Harrison Ford in „Indiana Jones and the last Crusade“ (1989), sind aber dennoch auf sympathisch altmodische Art launig. Die Actionszenen haben zwar nie die Rasanz und kinetische Taktung wie im Original „Raiders of the lost Ark (1981) oder noch mehr dem ersten Sequel „Indiana Jones an the Temple of Doom“ (1984), entbehren aber auch der an Computerspiele erinnernden Künstlichkeit vieler Szenen in „Chrystal Skull“. Schließlich ist auch das titelgebende Artefakt deutlich stimmiger im Kontext der Urtrilogie. Bundeslade, heiliger Gral und selbst die weniger mythisch aufgeladenen Sankarasteine sind historische Utensilien, deren magische Kräfte im spirituell-religiösen Kontext gesehen werden können. Mit dem Rad des Archimedes verlässt man zwar diese Ebene, bleibt aber den „greifbaren" Altertumswissenschaften verbunden, die man mit den auftretenden Aliens in den Morast von Verschwörungstheorien und anderen Spinnereien getunkt hatte. Das mag zur Zeit der Filmhandlung gepasst haben, nicht aber zur Hauptfigur und zur Franchise-DNA. 

Der wahre Geniestreich des neuen Films ist aber ein anderer und zugegebenermaßen erst mit der aktuellem Technik stimmig realisierbar gewesen. Denn dank der inzwischen erstaunlich ausgereiften De-aging-Technik sehen wir in der ersten halben Stunde einen um gut 25 Jahre verjüngten Indiana Jones, der sich mit seinen erklärten Lieblingsgegnern, sprich Hitlers uniformierten Schergen, im wahrsten Sinne herumschlagen muss. Hier atmet der Film für eine knappe halbe Stunde noch einmal Flair und Atmosphäre der Urtrilogie und das obwohl James Mangold den nur noch produzierenden Steven Spielberg auf dem Regiestuhl abgelöst hatte. 

Natürlich macht die Handlung dann einen Zeitsprung, genauer gesagt ins Jahr 1969, um das reale Alter Fords glaubwürdig einzubetten. Man kann sicherlich streiten, ob ein fast 80-jähriger Held noch einmal Charisma und Charme seines halb so alten früheren Ichs erzeugen kann, aber um der Figur einen würdigen und stimmigen Abschied zu bescheren, ist dieses Vorgehen alternativlos. Zudem soll Harrison Ford darauf bestanden haben, Indiana Jones seinem Alter einsprechend zu inszenieren und dieses auch explizit zu thematisieren. Und so wird der grantelnde Professor bei seinen trockenen Vorträgen nicht mehr angehimmelt, sondern angegähnt. Beim Nachjagen historischer Artefakte genügt kein Zureden eines alten Freundes, da braucht es schon das Schießeisen eines alten Feindes. Und bei der schweißtreibenden Schatzsuche kommen Peitsche und Fäuste erkennbar seltener zum Einsatz als bei früheren Missionen. Das Zepter des Handelns übergibt er dabei nicht selten an die patente Patentochter, die wiederum einen jugendlichen Pfiffikus als Helfer aufbietet. Teamwork eben. Und damit alles schön stimmig bleibt, betrifft dieses zurückgenommenere Konzept auch die Gegenpartei. Alt-Nazi und Neu-Nasa Mads Michelsen kann gleich zwei Henchmen aufbieten, um Dr Jones auf seiner letzten Schatzsuche das Leben schwer zu machen. Denn, dass es seine letzte wird, daran lässt der Film keinen Zweifel. Womit wir beim kontrovers aufgenommen Finale wären.

Das Alien-Ende von „Crystal Skull“ spaltete seinerzeit die Fangemeinde und sorgte auch bei wohlwollend Eingestellten mindestens für Irritationen. Dieser Fehler sollte tunlichst vermieden werden, also ignorierte man den Zeitgeist der Filmhandlung und lässt Indiana Jones nicht zum Mond fliegen oder ähnlichen Endsechziger-Humbug veranstalten. Allerdings setzte man diesmal auf den aktuellen Zeitgeist, soll heißen man setzte auf die Zeit selbst. Und nachdem Indiana Jones-Filme immer auch Reisefilme waren … . Auf dem Papier klingt das überaus plausibel, im fertigen Film hat das nicht jedem gefallen. Immerhin taucht der arme Jones nicht in irgendein abstruses Multiversum ab und erlebt irgendeine Parallelrealität. Was er erlebt hat dennoch einen fantastischen Einschlag, greift aber auf geschickte Weise zentrale Themen von Figur und Film auf. So geht es nicht nur um das Altertum und die Jagd nach den letzten Geheimnissen der Geschichte. Wie in den ersten drei Abenteuern wird Indiana Jones mit seinen ureigensten Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert, gerät kurzfristig in Versuchung, um am Ende daraus gestärkt und geläutert hervor zu gehen. Klassischer Indy-Stoff also. Leider wird der in sich schlüssige Gedanke recht holprig vom insgesamt nicht sonderlich pfiffigen Drehbuch serviert. Die auf Rührung und Fanservice ausgerichtete Endszene hängt daher irgendwie in der Luft, so dass ein Großteil der anvisierten Wirkung wieder verpufft.

Was bleibt also von der Legende Indiana Jones? Wurde sie nun endgültig zerstört, oder wieder auf die richtige Spur gesetzt? Im Prinzip weder noch. Der fünfte Teil ist ein stimmungsvoller Abgesang auf eine der ikonischsten Filmfiguren der Popkultur. Er ist auch ein stimmungsvollerer Abschied als es der vierte Teil je sein könnte. Allerdings geht er dabei so sehr auf Nummer sicher, triggert so sehr bestimmte Indy-Momente, dass er nicht nur keine neuen Zuschauerschichten ansprechen, sondern auch die Hardcorefans nicht begeistern wird, ja gar nicht begeistern kann. Es fehlt die Frische, die Chuzpe, die Virilität der Originaltrilogie. Hier wird einem Mythos wehmütig und zu ehrfürchtig gehuldigt, hier wird versucht eine Hochstimmung durch Imitation und Wiederholung zu erzeugen. Am Ende wirkt das trotz aller erkennbaren Bemühungen, trotz aller Liebenswürdigkeit und trotz aller gekonnt inszenierter Unterhaltsamkeit ein Stück weit redundant und aus der Zeit gefallen. Paradoxerweise ist das der ehrlichste und passendste Kommentar, den man anno 2023 zu Indiana Jones abgeben kann, obgleich das so bestimmt nicht gewollt war.

Wie man es auch dreht und wendet, mit dem Finale der Urtrilogie „Indiana Jones and the last Crusade“ war im Prinzip alles gesagt worden und der Boden für die Legendenbildung bereitet. Der glorreiche und dauerhafte Einzug ins Reich der Mythen und Ikonen schien reine Formsache. Seither gehörten Fedora, Bullenpeitsche und abgewetzte Lederjacke dort ebenso zum Inventar wie Walther PPK, der Millenium Falcon oder der DeLorean-DMC-12. Die beiden späten Sequels haben in dieser Idylle unnötig für Unruhe gesorgt, ohne sie aber nachhaltig stören zu können. Indiana Jones kann also endlich beruhigt seinen Hut nehmen, niemand sonst wird es wagen den seinen in den Ring zu werfen.

(6,5/10 Punkten)

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