Review

Gesamtbesprechung

Nachdem ich mich ausgiebig “The Frighteners“ hingegeben habe, einer fast vergessenen ITV-TV-Anthologie von 1972, kann ich bei auch gleich mit „Freunden und Verwandten“ derselben fortsetzen.

„The Frighteners“ war eine halbstündige Anthologieserie in 13 Folgen, die erfolgreich vortäuschte, Horror zu sein, in Wirklichkeit aber psychologische Thriller oder Dramen präsentierte, die Personen schuldig oder unschuldige in dramatische, gefährliche oder beängstigende Situationen brachte, meist ausgelöst durch eine einzelne Figur.

Schon zwei Jahre zuvor hatten die Briten Ähnliches mit „Tales of Unease“ versucht, einer letztendlich siebenteiligen Serie von ähnlich kurzem Format, die allerdings die übernatürlichen Faktoren solcher Erzählungen besonders betonte und so – in gewisser Weise – „echten Horror produzierte.

Geworben hatte man mit John Burke, der in den 60er Jahren einer der bekanntesten Herausgeber für Horror-Buch-Anthologien war. Die von ihm veröffentlichten Geschichten sollten die Basis für die Folgen werden. In Deutschland ist Burke größtenteils unbekannt, weswegen die Uneinheitlichkeit der verschiedenen Stories wohl auch eher auf Irritationen stoßen würde.

Eröffnet wird mit unheilvollen Synthieklängen, während die Kamera die grobe Plastik eines menschlichen Kopfes umkreist, in der nach einer vollen Runde plötzlich ein offenes Auge in die Kamera starrt, woraufhin sich alles zum Titelschriftzug auflöst. Das Prinzip wurde bei den „Frighteners“ dann mit mit dem verängstigten Gesicht eines Mannes wiederholte, dass sich zur unruhigen Musik von der Kamera entfernt.

Am Ende wurden nur sieben Folgen von „Tales of Unease“ produziert und es kam nie zu einer zweiten Staffel, vielleicht auch weil die Folgen nicht nur sehr finster, sondern auch von den Themen und der Präsentationsform sehr uneinheitlich gestaltet waren. Einige wurden extern auf Film und „on location“ gedreht, andere präsentierten sich im typisch britischen Format von Studioaufnahmen auf Video, die immer den Look eines abgefilmten Theaterstücks implizierten, ein Format, welches noch bis in die frühen 80er benutzt wurde (teilweise auch in Deutschland, etwa bei den Durbridge-„Straßenfegern“) und welches heute sehr befremdend wirkt.

Zu den Folgen im Einzelnen:

Die Auftaktfolge „Ride, Ride“(1) ist schon ein Symbol für die dramaturgischen Schwierigkeiten, mit denen die Serie zu kämpfen hatte. Es geht um einen Kunststudenten, der im Zeitalter der Post-Swinging-Sixties mit Einflüssen der Hippie-Zeit moderne Installationen entwirft. Auf einer Studentenparty begegnet ihm – nachdem seine übrigen Kontaktaufnahmen erfolglos verliefen – eine ätherisch wirkende Blondine, die von ihm nach Hause gebracht werden möchte, speziell mit seinem Motorrad. Er kommt der Aufforderung widerstrebend nach, doch unterwegs verschwindet das Mädchen von seinem Sozius. Als er den Vater des Mädchens aufsucht, erzählt dieser, seine Tochter sei bei einem Unfall gestorben.

Soweit ähnelt die Story der beliebten Geschichte von dem Mädchen auf der Brücke, die auch Thema in dem Film „Encounter with the Unknown“ werden würde, allerdings erweist sich hier bald, dass die Party nie – bzw noch nicht – stattgefunden hat und sich „Erlebte“ ggf. wiederholen wird.

„Ride, Ride“ ist am interessantesten, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt des zeitgeschichtlichen Lokalkolorits betrachtet, allein die Studentenparty mit Discotanz ist ein Fest für die Augen und wie der Rest der Episode stimmungsvoll eingefangen, hier wird die titelgebende „Unbehaglichkeit“ tatsächlich atmosphärisch transponiert. Leider kann die Story mit ihren Erzählebenen nicht mithalten und obwohl die Story am Ende einen Twist präsentiert, provoziert dieser doch eher Unverständlichkeit denn einen Zirkelschluss. Unfertig, aber nicht unwirksam.

Nach den ganzen faszinierenden Außenaufnahmen ist „Calculated Nightmare“ (2) mit seiner Studioatmosphäre eine leichte Enttäuschung, mit modernen Mitteln wäre da in Sachen Wirkung mehr drin gewesen. Das Ganze wird mit einer Klammer präsentiert, bei der sich Angestellte des Unternehmens in der Kantine beim Essen unterhalten. Das erste Gespräch erklärt, das die Firma tatsächlich „smart“ funktioniert, also von einem Computersystem gesteuert wird. Das zweite Gespräch kommentiert den Ausgang der Haupthandlung.

Dazwischen werden zwei noch spät arbeitende Verantwortliche zum Gefangenen des Systems, als ein Mitarbeiter sie durch Manipulationen am Arbeitstisch bzw auf der Etage festsetzt, bis sie die ganzen geplanten Kündigungen zurücknehmen und eine Stornierung derselben im System aufgeben. Dann dreht er den beiden die Heizung runter. Was generell in einer gut gebauten Filmkulisse beklemmend wirken könnte, wirkt in der deutlichen TV-Set-Kulisse leider nicht überzeugend. Auch die Bedrohung durch das System wird mehr geschildert als die Auswirkungen gezeigt und selbst der Schlusstwist erscheint nicht eben logisch. Überdies tragen die beiden bilanzorientierten Feiglinge die Episode nicht ausreichend, um das Interesse hochzuhalten. Für mich die eindeutig schwächste Episode.

Etwas wirr, aber visuell beeindruckend ist „The Black Goddess“(3), die komplett unter Tage, also in einer Mine spielt. Obwohl sie sichtlich im Studio gedreht wurde, ist der hier aufgebaute Stollen mehr als überzeugend und der hier im ersten Drittel gezeigte Tunneleinbruch ist für TV-Verhältnisse wirklich atemberaubend. Inhaltlich geht es um einen speziellen Bergmann, der häufig davon spricht, dass sie unter Tage die Natur herausfordern und die „schwarze Göttin“, also die Kohle, mittels eines Opfers beschwichtigen müssen. Die Story lebt hauptsächlich von der Atmosphäre und von den Durchhaltedialogen der Kumpel und der finale Dreh ist dann entsprechend auch ziemlich dreckig/finster. Die Spannung kann die Episode nur uneinheitlich halten, aber insgesamt ein Anstieg.

Überwiegend zurück ins Studioset geht es mit „It’s too late now“ (4), einer Soloshow für die Darstellerin Rachel Kempson, die eine von vorne bis hinten vernachlässigte Ehefrau eines Schriftstellers spielt, deren umsorgende Natur nicht wirklich honoriert wird, da der Gatte den ganzen Tag vor seiner Schreibmaschine sitzt und kommentarfrei und reaktionslos vor sich hintippt, nicht einmal das bereitete Essen rührt er an. Eines Tages verlässt sie sein Zimmer und dreht impulsiv den Schlüssel im Schloss um – und lässt das so.

Die ganze Folge dreht sich um die Selbstfindung einer alternden Frau, der jetzt nach und nach bitter klar wird, dass sie zwar geheiratet wurde, aber nicht wirklich gewollt und schon gar nicht geliebt wurde. Das betrifft speziell auch das Thema Kinder, wobei sie offenbar ihren Nachwuchs durch eine Fehlgeburt verloren hat und im Nachhinein in Trauer und Depressionen allein gelassen wurde. Für den Zuschauer ergibt sich die Frage, ob sie ihren Mann wieder rausläßt, viel wichtiger ist aber der Prozess der Selbsterkenntnis, den sie mit ihren Monologen durchläuft. Ein feines kleines Drama, welches auch in einer nicht-übernatürlichen Anthologie Beifall gefunden hätte.

Die besten Noten auf Imdb besitzt „Superstitious Ignorance“(5) und verdammt, das ist wirklich „a hell of an episode“. Der Autor Michael Cornish hat laut Angaben nie wieder was für TV und Film geschrieben, aber mit diesen 30 aus allen Rohren feuernden Minuten kommt und geht er wirklich mit einem Knall.

Es geht um Teddy und Penny, ein junges Pärchen (auch noch im Swinging Sixties-Modus), welches aufgrund ihrer monetär ordentlichen Situation ein Stadthaus in London kaufen möchte und auf ein Sonderangebot stößt. Da sie nicht eingelassen werden, rufen sie den Makler hinzu, der sie darüber aufklärt, dass in einigen Räumen im Erdgeschoss noch eine Familie südländischen Zuschnitts, die Laristos, in relativer Armut leben. Mrs.Laristo präsentiert sich als augenrollende Unheilsverkünderin in gebrochenem Englisch, während ihre fünf schmutzigen Kinder wie mahnende Zeichen die drei Besucher durch das Haus verfolgen. Mehrfach warnt sie davor, Zimmer zu betreten, weil man aus den unheimliche Sachen hört…

Selten hat eine Folge das Thema „drohendes Unheil“ besser eingefangen, als diese Hausbesichtigung, deren Schlüssel schon im Titel liegt und die Folge schafft es, dass jede Faser danach schreit, möglichst schnell das Haus zu verlassen und sich was Teureres zu kaufen, aber das hat mich dennoch nicht auf den Wow-Effekt vorbereitet, der noch folgt…

Diese fünfte Folge ist wirklich der sicherste Grund, warum man durch die Folgen mal durchschnuppern sollte und wirklich creepy von vorne bis hinten. Meine Verehrung!

Von „Bad Bad Jo Jo“ kann ich Vergleichbares nicht berichten, auch wenn das Unheil hier ebenfalls herandräut, wenn Roy Dotrice als arroganter Comickünstler unwillig Besuch von Fans bzw. Bewunderern seiner Schöpfung bekommt, die leider fies und gewalttätig ist. Leider fällt sie in die Kategorie „das kann doch nicht alles sein“, wenn es um Vermutungen geht, aber alles spielt in einem Rutsch in einem Set und lässt nicht viele Möglichkeiten zu. Dotrice ist hinreißend unwillig und widerlich, aber seine Gäste gestalten sich nicht weniger „strange“ – nur hinterlässt hier alles irgendwie einen fiesen Geschmack im Mund – meiner Ansicht nach wäre das „Stück“ als Hörspiel suggestiver und wirkungsvoller gewesen.

Mit etwas Comedy wird die Serie dann in „The Old Banger“ (7) beschlossen und wer schon mal „Christine“ gesehen hat, der weiß, was hier kommt. John und Susan sind ein fröhliches Pärchen, welches sich hauptsächlich um ihre Taubenzucht kümmert, während sie ihren schrottreifen Garagenwagen gegen einen Roller eintauschen. Weil man nicht nur etwas faul, sondern auch geizig ist, stellt man den Wagen irgendwo im Londoner Stadtgebiet ab, um ihn zu vergessen. Aber vergisst auch der Wagen?

Terence Rigby als John ist ein ziemlicher lernresistenter Trottel und sorgt für reichlich komische Zwischentöne, während die Episode mit jeder Minute immer düsterer wird, als ruchbar wird, dass der Wagen nicht mehr an der gewählten Stelle steht, sondern mit jedem Tag ein Stückchen näher an seine alte Heimstatt heranrückt. Das Finale grenzt dann wirklich ans Absurde, wenn auch die Lernunwilligkeit seiner Protagonisten ans Depperte grenzt, die die Schlusspointe erst möglich machen. Da mischt sich Gelächter mit einem heftigen Kloß im Hals.

Dass die Serie nicht fortgeführt wurde, leuchtet irgendwie ein, denn herausgekommen ist ein uneinheitliches Etwas mit einigen Glanzpunkten, beeindruckenden Darstellerleistungen, fiesen Drehs, aber auch mit unterentwickelten Plots und nicht fertig gedachten Pointen. Zwei der drei kostensparenden Studioepisoden ziehen sich dann doch gewaltig oder bieten nicht die Möglichkeiten an, die Story entsprechend umzusetzen, die Dritte gehört im Wesentlich gar nicht zwingend in diese Sammlung, auch wenn ihr ein spezieller Schrecken innewohnt.

Dennoch bin ich mit der Sichtung nicht unzufrieden, auch wenn man bei den vielen britischen Akzenten manchmal schon genau hinhören muss – insgesamt war aber auch das eine Serie ohne wirklich große Enttäuschungen und ein Anreiz bei den übrigen britischen Serien weiterzumachen. #

Wer mag, möge wie bei „The Frighteners“ mal auf Youtube oder Dailymotion stöbern, auch wenn es die Folgen auf Disc gibt, stehen sie eigentlich immer wieder mal im Original in recht guter Qualität zur Verfügung – und eine wirkliche Investition sind sie bei 25 Nettominuten Spielzeit ja auch nicht. (6/10)



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