Die Geschichte der Stiefbrüder Adama und Ibrahim steckt voller Widersprüche: obwohl die beiden in derselben, von der afrikanischen Elfenbeinküste stammenden Familie in einem Vorort von Paris aufgewachsen sind, haben sie sich in völlig entgegengesetzte Richtungen entwickelt. Ibrahim (Kaaris), der ältere der beiden, machte schon in jungen Jahren Karriere als Drogendealer, bis er eines Tages vom resoluten Vater Ousmane (Issaka Sawadogo) rausgeschmissen wurde. Adama (Alassane Diong) dagegen verlor als etwa 10-Jähriger nach einem Unfall sein Augenlicht und bedürfte daher besonderer Pflege und Aufmerksamkeit seitens der Eltern.
Heute ist Ibra ein allseits gefürchteter Kleiderschrank mit Glatze und Vollbart, der mit seinen Handlangern das Drogengeschäft in der Banlieue kontrolliert, während Adama das von seinem Vater vorgegebene Motto "Nimm deine Schwäche an und versuch daraus eine Stärke zu machen" verinnerlicht hat: der schlaksige junge Mann ist ein im Viertel geachteter Awalé-Spieler geworden, der dank seines hervorragenden Gehörs das Manko der verlorenen Sehfähigkeit fast vollständig auszugleichen in der Lage ist; außerdem mischt er in seiner Freizeit Hip-Hop-Tapes am heimischen Computer zusammen.
Die beiden Brüder haben sich nicht viel zu sagen und gehen sich weitgehend aus dem Weg, doch als eines Tages der gemeinsame Vater stirbt, geraten die fein austarierten Verhältnisse der Familie ins Wanken, fällt mit Ousmane doch der bisherige Ernährer weg, den Ibrahim zunächst zu ersetzen verspricht. Doch die von seinen Drogengeldern finanzierte Miete und Essen sind ein hoher Preis dafür, daß Ibrahim, der die Geschäftsleute des Viertels zunehmend auspresst, keinen Widerspruch bezüglich seiner Aktivitäten duldet, was besonders dem friedliebenden, auf Ausgleich bedachten Adama sauer aufstößt...
Mit seinem Sozialdrama Le roi des ombres (zu deutsch: der König der Schatten) porträtiert Regisseur und Drehbuchautor Marc Fouchard eine afrikanische Einwandererfamilie in einem Vorort von Paris, wobei das Hauptaugenmerk nicht auf der unvermeidlichen Drogengeschichte liegt, sondern vielmehr die Entwicklung des jungen blinden Adama thematisiert, der in einer Welt der Kriminalität aufwächst und es dennoch schafft, entsprechend den Vorgaben seines verstorbenen Vaters sauber zu bleiben.
Und das ist gar nicht so einfach, gerät Adama doch immer wieder mit seinem ungleichen Bruder über Kreuz: so zählt beispielsweise der hellhäutige Malik zu seinen Freunden, welcher mit seiner Schwester Aïssata zusammen ist. Als Ibra davon erfährt, schlägt er den jungen Mann grün und blau, da er nicht will, daß die in einer von ihm bezahlten Wohnung lebende Aïssata einen Freund hat. Letztere wiederum kämpft zwar um ihre Eigenständigkeit, kann der gewalttätigen Fürsorge ihres Bruders aber nicht so einfach entsagen. Als Ibra gegen Adamas Willen Drogen in dessen Wohnung versteckt ("bei einem Blinden vermutet niemand Stoff"), diese jedoch von einer konkurrierenden Drogenbande geraubt werden, die dabei auch noch Adamas treuen Gefährten, einen Blindenhund, töten, kommen die Dinge langsam ins Rollen: der junge Mann, mit einer Art sechsten Sinn ausgestattet, der die sich anbahnenden gewalttätigen Veränderungen erahnt, beschließt, mit seinen allerdings äußerst beschränkten Möglichkeiten endlich etwas zu unternehmen...
Le roi des ombres glänzt mit feinen Zwischentönen in seiner Coming-of-age-Geschichte, vernachlässigt dabei jedoch die Thrillerelemente, die sich wohl der Großteil der Zuseher von einem Plot unter afrikanischen Einwanderern in der Banlieue erwartet. Somit bleibt der Streifen daher wohl eher einem Nischenpublikum vorbehalten, obgleich die teilweise ambivalente Figurenzeichnung rund um den schnell die Sympathien auf sich ziehenden blinden Awalé-Spieler durchaus sehenswert ausfällt: 6 Punkte.