Review

Ich weiß schon, warum ich mir so selten Tatorte anschaue. Man liest oft von Attributen wie „horizontal überzeugend“, „düster“, „dicht erzählt“, „zeitkritisch“. Und wenn ich mir dann ab und an einen TATORT anschaue, dann fallen mir eher Begriffe ein wie „langweilig“, „angestrengt“, verworren“. Alles Wörter, die auf SEILSCHAFT zutreffen. Die Drehbuchautoren Karin Heberlein und Claudia Pütz haben sich alle Mühe gegeben, die Themen Entwicklungshilfe, Mafia, Pädophilie, Menschenhandel, halbseidene Institutionen und Xenophobie mit Kritik an sozialen Zuständen und an der Polizei in anderthalb Stunden zu verquirlen, mit dem Ergebnis, dass da nicht mal etwas Halbes rauskommt, geschweige denn etwas Ganzes. Zu viele Themen die nichts miteinander zu tun haben in einer Geschichte, die keinen roten Faden hat.

Die Schnellschnell-Inhaltsangabe bei t-online.de schreibt zum Inhalt: In dem "Tatort" brachte eine Person drei Menschen um. Die Art und Weise deutete zunächst auf Mafiamachenschaften hin. Schließlich stießen die Kommissarinnen auf einen Entführungsfall von vor zwei Jahren und dadurch auf einen Missbrauchsring (1). Was als Buch in einem 700-Seiten-Thriller sicher spannend und abwechslungsreich rüberkäme und zu einer Achterbahn der Gefühle führen würde, im Fernsehen, zusammengedampft auf 90 Minuten, wirkt es müde, verworren und uninteressant. Die Kommissarinnen sind einfach drüber (die eine schweizerisch-steif und die andere flippig-hysterisch), die Nebenfiguren haben kaum Raum zum Wirken, und die „Geschichte“ mäandert sich im gefühlten Sekundentakt von einem Twist zum nächsten. Dass da ein Mord aufgeklärt werden soll geht ganz schnell verloren, nach einer Viertelstunde ist man bei der Mafia, eine weitere Viertelstunde später bei Pädophilie - Die einzelnen Erzählstränge finden einfach niemals wirklich zusammen. Carol Schuler als Tessa Ott hat besonders Pech mit ihrer Rolle: Sie zeigt einem jungen Mädchen in einer Boxschule wie man richtig boxt. Leider wird das Thema sofort wieder fallengelassen und nicht wieder aufgegriffen. Als nächstes reichen ein paar Worte bei einer völlig in sich gekehrten und abweisenden Bewohnerin eines Jugendheims, um eine richtig tolle Freundschaft zu erzeugen. Etwas, woran der gelernte Sozialpädagoge und Betreuer immer gescheitert ist, eine Polizistin kann sowas aber quasi im Vorbeigehen. Und zu guter Letzt engagiert sie sich bei der Untersuchung seelisch äußerst intensiv, was sie psychisch bis zum Nervenzusammenbruch bringt, was aber nur mit einem(!) Nebensatz erläutert wird. Fortan ermittelt sie alleine, immer am Rande der gefühlten Selbstjustiz, bringt sich und andere in Gefahr, kann den Fall auf diese Art tatsächlich voranbringen – Und doch wird nie eine Nähe zum Zuschauer aufgebaut, wird der Grund für ihren Zustand nicht einmal angedeutet, gibt es keine Identifikationsfigur. Die Person Tessa Ott bleibt fremd und hysterisch. Und wo der schweizerische Originalton vielleicht wenigstens noch Zürichsee-Flair und Authentizität bringen könnte, ist die hochdeutsche Synchro dumpf und vernuschelt, was es noch schwieriger macht, den unzusammenhängend wirkenden Dialogen zu folgen, woraufhin die Aufmerksamkeit auf dieser Seite des Bildschirms dann schnell und gründlich flöten geht.

Leider vergeudete Lebenszeit, und mein nächster Tatort wird noch lange auf sich warten lassen. Der davor soll erstklassig gewesen sein? Gut möglich, und dass in so einer Reihe Licht und Schatten nah beieinander liegen ist auch klar, aber SEILSCHAFT (worauf bezieht sich der Titel eigentlich? Auch so etwas, was niemals geklärt wird) ist eine ganz tiefe Grube vieler verpasster Chancen …

[1) Quelle: [url]https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/tatort/id_100168464/schweizer-tatort-faellt-bei-fans-durch-negativrekord.html[/url]

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