Jedem dürften noch jene erschreckenden Bilder im Gedächtnis haften geblieben sein, als begleitet von einem hellen Feuerball am 11. September 2001 zwei Flugzeuge von Terroristen in die beiden Zwillingstürme des World Trade Centers in Manhattan gesteuert wurden. Als beide Türme knapp zwei Stunden später wie Kartenhäuser in sich zusammenbrachen und an diesem Tag ca. 3000 Menschenleben forderten, war nichts mehr, wie es war. George W. Bush rief zum „Krieg gegen den Terror" auf, gegen jene hässliche wie erschreckende Fratze von islamistischen Fundamentalismus, die man bis dahin in all ihren Ausmaßen nicht kannte.
Unter den Opfern waren auch elf Deutsche, doch die politischen wie wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den USA und Deutschland reichen tiefer: Internationale Handelsbeziehungen und die Außenpolitik standen auf dem Spiel. Max Färberböck wagt dabei jedoch gar nicht erst das Unterfangen, mit seiner Betroffenheitsstudie sämtliche Ausmaße der Anschläge aufzuzeigen und greift sich stattdessen vier Paare heraus, die das politische Klima und den gesellschaftlichen wie persönlichen Zustand illustrieren und einfangen sollten. Mit dieser symbolischen Funktion, die den Protagonisten schon von vornherein zugeteilt wurde, lässt sich auch erklären, warum September mit wenigen Ausnahmen keine Charaktere handeln lässt, sondern einzig holzschnittartige Stereotypen. Das Problem daran ist nur: Wirken Figuren zu uninteressant und in ihrem Handeln zu abstrakt oder unauthentisch, verliert man als Zuschauer schnell das Interesse an ihnen und sie lassen kalt. Dies ist der Grund dafür, warum Färberböcks Film letztendlich nicht zu bewegen vermag und nur als selbstverliebtes, aber zweifelsohne gut gemeintes Beziehungsdrama mit polit- wie gesellschaftskritischem Anspruch durchgeht.
Da hätten wir den pakistanischen Restaurantbesitzer Ashraf (René Ifrah), der Probleme mit seiner schwangeren Freundin Lena (Nina Proll) hat, weil er aufgrund seiner Herkunft kein Wort der Entschuldigung über die Terroranschläge des 11. Septembers verliert.
Dann gibt es den Finanzmann Philipp Scholz (Justus von Dohnanyi), dessen betroffene Frau Julia (Catharina Schuchmann) sich zusehends für den Islam interessiert und diese fremde Welt entgegen der Vorurteile und Angst vor Moslems zu verstehen versucht, was die eingeleitete Scheidung zwischen ihnen infrage stellt...
Der mit sich hadernde, intellektuelle Journalist Baumberger (Moritz Rinke) hingegen begibt sich nicht mehr aus dem Haus und verfasst schließlich einen kritischen Artikel hinsichtlich europäischer Außenpolitik.
Der finanziell angeschlagene Polizist Helmer (Jörg Schüttauf) versucht, seine Corvette zu verkaufen. Der Preis dafür ist allerdings nach den Anschlägen des 11. Septembers im Keller und während sich seine Frau von ihrem aufbrausenden Mann unverstanden fühlt, findet er keinen Zugang zu seinem vernachlässigten Sohn.
So beliebig diese Episoden hier nacheinander aufgezählt sind, so beliebig wird auch im Film zwischen ihnen hin- und hergeschnitten. Die Verbindungslinien der von jeweils anderen Autoren geschriebenen Episoden sind dabei lose, so dass es schon verwundert, dass ein politisch konservativer Yuppie, der mit Ashraf bei einem Atemkurs für Schwangere sitzt kurz darauf als potenzieller Käufer der Corvette von Polizist Helmer auftritt oder die Söhne von Helmer und Scholz miteinander befreundet sind. Und auch wenn man diese diffuse Erzählweise mit der Unsicherheit, Verwirrung und Unentschlossenheit nach den Terroranschlägen in Beziehung setzen kann, so funktioniert sie als Film nicht. Nicht zuletzt auch deswegen, weil alle Einzelhandlungen unterschiedliche Qualität aufweisen. Während die Geschichte um den aufbrausenden Polizisten, der sein Auto liebt und sich bei seinem amerikanischen Kollegen anbiedert durchaus mitzureißen vermag (Jörg Schüttauf liefert eine gute Vorstellung), läuft die Geschichte um den pseudo-intellektuellen Autor auch aufgrund der mageren Leistung von Schauspiel-Debütant Moritz Rinke (er war zuvor nur als Drehbuchautor im Filmbusiness tätig), der einen leichten Sprachfehler zu haben scheint, ins Leere und kann nur mit einem knackigen Oneliner punkten, als er wutentbrannt ein Büro demoliert.
Während die Episode um den pakistanischen Restaurantbesitzer trotz aller Klischees vom potenziell bösen Moslem und anderen Vorurteilen dennoch irgendwie plausibel und bewegend ist, lässt die blutleere Geschichte um den Finanzmann und seine Frau im bürgerlichen - um nicht zu sagen: dekadenten - Milieu aufgrund der fragwürdig agierenden und gestelzt sprechenden Figuren schlicht kalt. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass September gerade durch die Disharmonie seiner Episoden und einen fehlenden emotionalen Kern (trotz einiger wirklich mitreißender Szenen) sehr viel verliert. Denn in Sachen Sound Editing und Kamera ist der Film auf höchstem Niveau. Mit zahlreichen Collagen, in denen er Archiv- und Filmaufnahmen übereinander legte, transportiert Kameramann Carl-Friedrich Koschnick eine visuelle Unmittelbarkeit der Geschehnisse und stellt gleichsam die Hintergründe, vor denen die Handelnden agieren, in den vier Episoden immer wieder heraus, obwohl der Bezug ein ums andere Mal recht vage bleibt. Jedoch ein guter Ansatz von ihm, der von den Drehbuchautoren kaum genutzt wurde.
Die zwischen Melancholie und helleren Ausflügen schwankende Musikuntermalung wirkt meist passend zu der kolportierten Schwere und Tiefe des Films, versinnbildlicht aber zugleich sein Problem: Die Einzelschicksale von den Menschen, die durch die politischen oder wirtschaftlichen Folgen mit dem 11. September in Beziehung treten, sind allesamt tragisch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen. Mehr Differenzierung bei der Erörterung der psychologischen Ebene, deren Vorhandensein durch die allesamt irgendwie gereizten oder aufgebrachten Figuren angedeutet, aber nicht herausgearbeitet wird, wäre wünschenswert gewesen. Und so bleibt letztendlich der Eindruck eines bedrückenden, prätentiösen Betroffenheitsfilms im Gewand eines Beziehungsdramas, der in die seelischen Befindlichkeiten einiger Deutscher hineinleuchten will, aber stattdessen durch seine drögen Plattitüden und Stereotypen nur an der Oberfläche kratzt. Reflexion oder Durchdringung des Problems: Fehlanzeige (5/10).