Review
von Leimbacher-Mario
Die gute Hure
Samuel Fuller, bekannt als Regisseur einiger weniger B-Movies, Kultfilmen, unterschätzten fast Grundhouse-Klassikern der 50er und 60er Jahre wie Shock Corridor oder eben The Naked Kiss. Mit White Dog war er sogar noch bis in die 80er Jahre relevant tätig & die Popkultur verdankt ihm mehr als die meisten denken.
Naked Kiss startet mit einer bockstarken Szene in der Constanze Towers als Hure mit Glatze erstmal ihren betrunken Freier vermöbelt, aus der Ego-Perspektive des Opfers... absolut seiner Zeit voraus, um Jahrzente. Genauso wie Fuller im Allgemeinen, was aber zum Großteil erst viel zu spät gemerkt & geschätzt wurde.
Auch wenn ich Naked Kiss nicht ganz so schockierend & toll finde wie Shock Corridor, hat der Film mehr Stärken als Schwächen. Da wären sein Tempo + kurze Laufzeit, seine brisanten Themen (Prostitution, Vorurteile, Neuanfang, Kindesmissbrauch, Fetisch, Scheinheiligkeit der Vorstadt, Feminismus), seine Offenheit & Sexualität (so weit das damals ging), seine guten Schauspieler & die gesamte, etwas surreal-comicartige Stimmung. Manchmal erinnerte mich das Ganze an eine Mischung aus Blue Velvet und Desperate Housewives. Denn ähnlich wie in einer Telenovela, nur niveauvoller & schöner, geht es Fuller um seine Charaktere, die Emotionen der gescholtenen, ausgegrenzten Leute. Und ähnlich wie bei Lynch oder Fincher zeigt er faszinierend was für menschliche Abgründe sich dabei auftun können.
Fazit: schöne Charakterstudie über eine Hure & die eigentlich schlimmen Menschen der braven Vorstadt an die sie gerät. Kurzweiliger & tabuisierter geht es für die 60er Jahre wohl kaum.