Und ein weiterer Vertreter der momentan angesagten Sparte „Social Horror“, in der es hauptsächlich darum geht, etablierte Normen zu hinterfragen, um sich anschließend mit viel Gezeter von ihnen zu emanzipieren. Diesmal jedoch in einer eher ungewohnten Spielart. Horrorfilme über Schwangerschaften gibt es zwar viele, die wenigsten von ihnen überlassen ihren Protagonistinnen aber die Entscheidungsgewalt über ihre weitere Zukunft. Filme wie „Baby Blood“ (1990), „Inside – Was sie will ist in dir“ (2007) oder jüngst „Titane“ (2021) stellen ihre Heldinnen vor vollendete Tatsachen, sie pflanzen die Saat unvermeidlich an den Anfang der Handlung und sind dann vor allem an dem Umgang der werdenden Mütter mit ihrer neuen Lebensrealität interessiert.
„Clock“ verhält sich diesbezüglich anders, denn seine Hauptfigur ist nicht schwanger, als die Handlung anläuft – und ihr größter Feind ist nicht das Unbekannte im Bauch, sondern die fliehende Zeit. Dianna Agron hatte bereits in „Against the Clock“ (2019) titelkonform gegen die Zeit kämpfen müssen, die eigentliche Qualifikation für ihre neueste Hauptrolle liegt aber in ihrem Alter. 37, ein besonderer Schwellenmoment im Leben einer Kinderlosen, die spätestens jetzt von der Biologie zu einer endgültigen Entscheidung genötigt wird. Gibst du dein Erbe weiter oder bist du das Ende der Evolution?
Regisseurin und Autorin Alexis Jacknow verlagert den thematischen Fokus in ihrem ersten Langspielfilm also auf den sozialen Druck von außen. Ein Rudel Frauen zerreißt sich gleich zum Einstieg das Maul darüber, wie unnatürlich es sei, wenn jemand freiwillig auf Nachwuchs verzichte (während hinter ihrem Rücken gerade eines ihrer Diskussionsgegenstände unbeobachtet auf einem Ast balanciert und sich zu verletzen droht). Die Farbfilter holen im übertragenen Sinne die Zuckerstangen aus der Requisitenkiste und lassen einen Hauch von 50s-Housewives-Flair durch die Blumenbeete wehen. Unverkennbar wird da ein überholtes Bild der Frau auf den Prüfstand gestellt. Hier entsteht das Fundament für den sich anbahnenden psychologischen Horror.
Ausgelöst wird dieser durch eine SciFi-Komponente in Form eines ominösen Instituts, das mit Hormonen und Schlimmerem experimentiert, um den Kinderwunsch bei Frauen zu wecken, die noch nicht aus eigener Kraft zu ihm gefunden haben. Wenn im Beratungsgespräch Vokabeln wie „kaputt“ und „reparieren“ fallen, fühlt man sich an Debatten erinnert, in denen etwa Homosexualität als Krankheit klassifiziert wird, die es zu heilen gelte. Auf Anhieb ist dem Zuschauer klar, dass sich die Hauptfigur nicht in erster Linie ihren inneren Zweifeln stellen muss, sondern einem diskriminierenden System.
Um dieses Gefühl zu stärken, folgt Jacknow penibel dem Lehrbuch für gehobenen Horror. Das Institut, das von außen freundlich, offen und modern wirkt, wird im Inneren von fensterlosen, sterilen Räumen konterkariert, die einen Eindruck von Gefangenschaft vermitteln. Der stets argwöhnische Blick Agrons öffnet die Schere zwischen Gemeintem und Gesagtem. Sogar im Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis werden von Vertrauenspersonen lediglich Phrasen gedroschen, die der verunsicherten Frau nicht aus der Isolation helfen, sondern sie nur weiter hineindrängen. Und dann kommt der Moment, als die Ärztin ihre Karten mit Rorschach-Mustern auf den Tisch legt. Es ist der Moment, als „Clock“ aufgeht wie ein Gewächs und in einer Parade der plakativen Symbole süßliche Düfte zu verströmen beginnt.
Jacknow bettelt ab sofort regelrecht um die Verleihung des Etiketts „Elevated Horror“. Sie bemächtigt sich ungeniert diverser häufig gesehener Motive aus Werken jüngerer Regie-Wunderkinder. Spinnen krabbeln als dicke schwarze Ausrufezeichen durch die reinliche Kulisse und werden mit zunehmender Laufzeit immer fetter, wie in Denis Villeneuves „Enemy“. Eine ungewöhnlich große Frau in Schwarz taucht immer mal wieder als Schreckgestalt in Scherenschnitt-Optik aus jeglichem Kontext gerissen in der Szenerie auf, und man glaubt, die Schatten des „Babadook“ in ihr zu erkennen, einer Schöpfung der australischen Regie-Kollegin Jennifer Kent. Und eine alte Standuhr versucht nicht einmal mehr, ihre offensichtliche Funktion als Symbol der tickenden biologischen Uhr zu verbergen. Ja, tatsächlich, eine Uhr symbolisiert hier eine Uhr, und als wäre das noch nicht genug, verschlingt Dianna Agron zum Frühstück auch noch rohe Eidotter direkt aus der Pfanne, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern. Regelrecht absurd wird es, als dann auch noch der Holocaust mit vorwurfsvollem Stöhnen aus der Vergangenheit weht, um Zahlenspiele zu betreiben wie im Ethik-Schulunterricht.
Gelegentlich taugen diese verzweifelten Mittel zum Zweck immerhin mal für einen drastischen Buh-Effekt oder ein paar kompetent in Szene gesetzte Schauermomente, zumal das sterile Setdesign automatisch für ein gewisses präkognitives Unbehagen sorgt. Oft verpufft der Horror aber leider auch relativ wirkungslos. Das mag damit zu tun haben, dass die Absichten der Regisseurin zu durchschaubar sind und ihre Umsetzung zu grobschlächtig bleibt. Da hilft dann auch das recht hohe Identifikationspotenzial der gegen Windmühlen kämpfenden Hauptfigur nicht weiter, zumal Agron sie alles in allem leider auch etwas zu unterkühlt verkörpert.
Im Schlussakt verheddert sich „Clock“ dann auch noch mit einem schlampig konstruierten Plottwist, den man auf Meilen kommen sieht und der zu alldem auch noch ein Stück weit die reizvolle Grundidee zum Thema individueller Selbstbestimmung untergräbt. Der über weite Strecken ruhige, auf Atmosphäre bedachte Aufbau weicht einer ebenso hektischen wie konfusen Auflösung, die in einem letzten speckigen Symbol endet, das nicht umsonst mit Bedeutung schwanger trägt, umgeben von der Schwärze des Abspanns, dem leisen Plätschern von Wasser und der Abwesenheit von Musik.
Eine bedingte Empfehlung kann man dennoch aussprechen für ein Publikum, das die Filme eines Ari Aster, Robert Eggers oder Jordan Peele eher als Genreware denn als Autorenwerke begreift und im Zuge dessen auch mal eine qualitativ weniger ausgefeilte Arbeit annimmt, die prinzipiell dieselben Knöpfchen drückt. Persönlich Betroffene der recht intimen Thematik werden zudem noch einmal einen ganz eigenen Zugang finden, denn „Clock“ ist nur allzu nah am wahren Leben gebaut. Der aufdringliche Hang zu schlichten Symbolismus und der fahrig zu Ende gebrachte Schlussakt zeugen allerdings davon, dass die Ambitionen hinter dem Projekt um ein Vielfaches höher sind als das tatsächliche kreative Vermögen.