Grabräuber, Ganoven & Geliebte
Fast in (anti-)fellini'esker Tradition wirft „La Chimera“ einige weirde Figuren und Themen in einen Topf, rührt gut durch, damit alles nicht mehr allzu leicht zu durchdringen ist und lässt einen Engländer auf seine Komplizen im rustikalen Italien treffen, wo sie zusammen etruskische Gräber auftreiben, aufbrechen und ausrauben, sich mehr oder weniger direkt mit der Vergangenheit und verflossener Liebe beschäftigen (müssen)…
Engländer Jones und das Grabmal der Krisen
„La Chimera“ ist einer für die Criterion Collection. Ein Italien (oder gar Europa?) zwischen Gräbern, Flucht in die Vergangenheit und Verlorenheit. Vergangenheitsbewältigung mal anders. Josh O'Connor (z.B. aus „Challengers“) ist wieder richtig stark. Die italienischen Ruinen und Wiesen wirken unwirklich und in der Zeit stehengeblieben. Das ist nicht das sommerliche Bella Italia, wie man es sich erträumt. Und das ist gut so! „La Chimera“ ist schon ein gutes Stück komplexes Kunstkino, hat aber auch genug Spleen und Raffinesse, um ungeübtere und gelegentlichere Zuschauer neugierig und bei Laune zu halten. Die Themen und Deutungen sind reichhaltig. Die 80s halten sich respektvoll im Hintergrund der tausendjährigen Geschichte dieser Landstriche und Höhlen. Der Score enthält dennoch einige wirklich bravuröse, auch elektrisch-synthige Stücke. Und Rohrwacher hat ihre Kunst nun definitiv unter Kontrolle wie eine echte Meisterin. „La Chimera“ hat viele Seiten, Gesichter, DNA-Stränge. Und selbst wenn manche im Sand verlaufen - alle sind es wert ausgebuddelt und untersucht zu werden…
Fazit: bekannte Motive von Heists und Grabräubern, verflossener Liebe und einem melancholisch-gelähmten Italien lässt Rohrwacher mythisch-mysteriös zerfließen zu einer clever-konkaven Masse für Welt- und Kunstkinofans. Etwas sperrig, aber enorm wertig, weise und wertvoll.