Amerikanische Gedichte, amerikanische Geschichte
Wenn Scorsese, De Niro und Di Caprio ein Team Up bilden und mit „Killers of the Flower Moon“ ein jahrelang geplantes Herzensprojekt endlich umsetzen, für's Kino und Apple+, über eine abscheuliche, viel zu unbekannte Mordserie an amerikanischen Ureinwohnern, dann ist dieses dreieinhalbstündige (!) Mammutwerk automatisch einer der wichtigsten Momente des Filmjahres, den ich mir unbedingt vor dem Kalenderumschlag noch geben wollte. Am besten im Kino. Und zum Glück läuft das Teil zurecht deutlich länger als normale Filme und ich konnte noch eine Vorstellung erwischen.
Eine Liebesaffäre mit dem Tod
Tod und Tumulte, Öl und die Gier,
Scorsese führt Regie wie ein Zwanzigjähriger hier.
Eine Energie, ein Schrecken, Lily Gladstone zwischen Legenden,
nicht nur von ihrer Performance kann man sich hier nicht abwenden.
Amerika, ein Land gebaut auf Morden und Lügen,
kann solch ein Fingerzeig vielleicht wenig überraschen, aber betrüben.
Moonshine und Männer in dunklen Hinterzimmern,
hört man hier keines der Opfer betteln und wimmern.
200 Minuten die vergehen wie im Flug,
fühlt sich diese Breite nie an wie Selbstbeweihräucherung oder Betrug.
Klar ist’s ein anderer, weniger flotter Scorsese als bei „Goodfellas“ oder „Casino“,
doch selbst zu dieser gemütlicheren Erzählweise sag ich bei ihm nie No.
Der Score pulsiert und trommelt im Takt,
hier werden ganze Behörden, Geschichte, der amerikanische Traum geknackt.
Die Beiläufigkeit des Bösen, der Tod als legitimes Mittel,
bei diesem True Crime-Meisterwerk braucht's keinen Menschenmetzger im blutverschmierten Kittel.
Das ist erschütternd, tief- und weitreichend bis ins Mark einer Nation,
wenn es eine filmische Geburt gab, ist das die Beerdigung und des Schreckens Lohn.
Das braucht keinen Hype, keinen Director's Cut, keine Internettrolle oder künstlichen Hype,
lässt man's wirken, fährt's einem in den Magen und den zitternden Leib.
Sogar schwarzer Humor und aktuelle, gesellschaftspolitische Schieflagen werden verwoben und untergebracht,
ja, Kino und Meister dieses Fachs können durchaus haben noch eine enorme Macht.
Fazit: unfassbar, was Martin Scorsese in seinem Alter noch abliefert… an Style, an Einfluss, an Mut, an Kraft. „Killers of the Flower Moon“ ist Kinomagie pur und ein heftiges Stück, ein packendes Epos, ein wichtiges Kapitel.