Samuel und Sandra leben mit ihrem sehbehinderten Sohn Daniel in den Alpen bei Grenoble. In der Abgeschiedenheit gehen sie der Schriftstellerei nach, Samuel renoviert das Haus, lehrt an einer Universität – und ein tiefer Riss geht durch ihre Beziehung. Eines Tages besucht eine Literaturstudentin Sandra für ein Interview. Von oben dröhnt laut Musik, sodass das Gespräch abgebrochen werden muss. Kurz darauf ist Samuel tot. Und Sandra verdächtig.
Der von Justine Triet inszenierte und mitgeschriebene Film beschäftigt sich mit der Aufarbeitung eines Ablebens. Und dem Leben davor. Denn im Verlauf des Dramas wird die Beziehung zwischen Sandra und Samuel auseinandergenommen, in Episoden seziert und offengelegt. Zumindest subjektiv, denn wie es in solch einem Fall und einer Verhandlung vor Gericht eben ist, geben sich subjektive Sichtweisen und Interpretationen die Klinke in die Hand. Triet breitet so vor dem Publikum ein Puzzle aus, welches man in seiner Entstehung gespannt beobachten mag. Dies betrifft sowohl Sandra und Samuel, aber auch ihren Sohn Daniel, dem ein nicht unerheblicher Part bei der Einordnung zukommt.
Trotz seiner stattlichen Laufzeit geht das Drama ohne Leerlauf voran, was an der oft gelungenen Konstruktion liegt. Als Zuschauer folgt man den Ereignissen und trotz des Wissensvorsprungs mindestens einer Figur ist dies ein stetes Einholen und Weitergehen. Und doch, am Ende hat man ein Bild – oder nicht.
Denn „Anatomie eines Falls“ reibt sich meist nicht an den Fakten auf, sondern an der Zeichnung eines Bildes zwischenmenschlicher Begebenheiten. Ein spannender Aspekt dabei ist, dass man den Verstorbenen kaum erlebt und sich dadurch sowohl Publikum als auch Gericht aus verschiedenen Quellen ein Bild zusammenbauen müssen. Selbst wenn in den wenigen Rückblenden Samuel selbst agiert, mag man sich ob des Gesehenen nicht sicher sein. So gibt es eine sehr emotionale Szene in diesem ansonsten eher nüchtern inszenierten Ablauf, eine Auseinandersetzung des Paares, die wie ein Ausbruch aus dem Film selbst wirkt. Schnell kehrt man wieder zurück in die etablierte Erzählweise und doch hallt dies durch den Rest nach, auch in den Figuren.
Diese hadern auch mit mancher Sprachbarriere, man springt zwischen Französisch und Englisch hin und her. Dies macht einen relevanten Punkt für das Erlebnis aus, wird hier doch auch zwischen den Figuren ein konfliktbeladener Boden gelegt. Die Verhandlung fokussiert sich dabei auf bestimmte Punkte in der Beziehung des Paares und natürlich ist das große Ganze viel komplexer. Doch das, was hier aufbereitet wird, wirkt packend und wenig gekünstelt, dabei angenehm unkitschig, sodass es stets fesselt. Während weitere Fragen im Hinterkopf entstehen.
Auch ein Verdienst des Ensembles, insbesondere Sandra Hüller liefert eine sehr sehenswerte Leistung. Ebenso der Rest des Ensembles überzeugt, wobei Antoine Reinartz als Staatsanwalt hier heraussticht. Auch visuell macht sich das Werk bemerkbar, wechselt zwischen einem semi-dokumentarischen Stil, bei dem die Kamera auch mal halb hinter einer Person verschwindet, und der Nähe zu den Figuren. Diese Wechsel erzeugen eine eigene Art Anspannung, sodass Beobachtung und Immersion mitunter Hand in Hand gehen. Einen Score im klassischen Sinne gibt es nicht, man kommt nahezu ohne Musik aus. Einspieler von Chopin (immer gut) umrahmen da mal die Stille, die den Figuren hier so viel Raum gibt.
Neben der Beziehung wendet sich das Skript auch mal kurz anderen Aspekten zu, reißt diese aber nur an. Die Vergangenheit der beiden Hauptfiguren oder der Zusammenhang zwischen der literarischen Fiktion und der Realität, die als Grundlage herhalten mag.
Sowohl spannender Gerichtsfilm wie auch Einblick in die Risse einer Partnerschaft. „Anatomie eines Falls“ liefert eine gelungenes Drama mit einer sehenswerten Sandra Hüller und einer Undurchsichtigkeit im besten Sinne, die auch nach dem Abspann im Gedächtnis bleibt. Ohne Melodrama, in seiner anvisierten Nüchternheit dennoch packend.