Schauspielerin Elizabeth trifft sich als Vorbereitung auf eine Rolle mit Gracie, da sie diese in ihrem neuen Film verkörpern soll. Gracie hatte vor 23 Jahren eine Affäre mit dem damals 13-jährigen Joe, der jetzt ihr Ehemann ist. Sie war 36, landete im Gefängnis, ihre Geschichte ist nun Gegenstand einer Filmproduktion, was nicht überall auf Gegenliebe stößt. Und so lernt Elizabeth nicht nur Gracie, ihre Familie und das Umfeld kennen, ihre Anwesenheit sorgt auch für das Aufbrechen alter Wunden und unterdrückter Erkenntnisse.
Das von Todd Haynes inszenierte Drama mit Vorstadtcharakter kommt trotz des Themas ohne erhobenen Zeigefinger daher, lässt auch bis zum Ende die Figuren offen agieren. So bekommt man verschiedene Lesarten des lange zurückliegenden Ereignisses und dessen Folgen präsentiert, die hier mit fortschreitender Spielzeit immer mehr zutage treten. Und diese Interpretationen, ob nun wahr, erfunden oder einfach nur abseits dessen so gefühlt, liegen tief in den einzelnen Charakteren verwurzelt.
Gracie legt dabei manch soziopathische Züge an den Tag, ihr Mann Joe hadert eher damit, seinem Weg zum Erwachsenwerden beraubt worden zu sein und die Kinderschar hat wiederum eine recht eigenwillige Sicht auf die Dinge. All diese Anschauungen bündeln sich in Elizabeth, die auch selbst in ihrer Recherche nicht passiv bleibt. Und so entfaltet sich das emotionale Puzzle vor dem Publikum, das die Einordnung zum Teil auch selbst vornehmen darf.
Haynes‘ Regie ist dabei unaufgeregt, das Skript umschifft eine todernste Darstellung immer wieder, ein bisschen mäandert die Geschichte durch ihre Welt, jedoch nicht ohne Ziel. Wobei das Ende in seiner bzw. Elizabeths Darstellung die Frage in den Raums stellt, wozu der ganze Aufwand denn gut war.
„May December“ liefert ansprechende darstellerische Leistungen und einen dramatischen Unterbau, darauf stehend eine mehr unterschwellig wirkende Geschichte. Die Aufarbeitung eines Lebenseinschnitts mitsamt Erkenntnissen, eine Reihe an subjektiven Wahrheiten. Trotz seiner Qualitäten hat mich das Werk aber nicht auf dem Level erreicht, wie es ob der Inszenierung erwartet war und auch der oft gepriesene Humor war für mich hier nicht erkennbar. Dennoch interessant, wenn auch auf Distanz.