Das Grauen lässt sich nicht so einfach ausblenden, auch nicht, wenn man ihm mit einer eiskalten Selbstverständlichkeit begegnet. Das Drama von Regisseur Jonathan Glazer nimmt die Perspektive eines Massenmörders ein, eines Ehemannes und Familienvaters, der sachlich darum bemüht ist, die Kapazitäten des sehr nahe gelegenen Konzentrationslagers stets zu verbessern.
1943, Auschwitz-Birkenau: Obersturmbandführer Rudolf Höss (Christian Friedel) lebt mit seiner Frau Hedwig (Sandra Hüller) und den fünf Kindern in einer Residenz mit schönem Garten. Keine 100 Meter von ihnen entfernt befinden sich die Mauern des Konzentrationslagers, welches rund um die Uhr in Betrieb ist. Als Rudolf nach Oranienburg versetzt werden soll, droht dies das Familienidyll nachhaltig zu stören…
Glazer präsentiert uns den Blick auf das Ungesehene. Man sieht keine Häftlinge, keine Opfer, kein Leid, aber man hört es. Nahezu permanent. Das Hundegebell, vereinzelte Todesschreie, Schüsse, rund um die Uhr. Das Leid aber Millionen Opfer spielt sich ausschließlich auf akustischer Ebene ab, neben den hohen Mauern mit Stacheldraht ist lediglich der dichte Raum über den Kaminen wahrzunehmen.
Jene Selbstverständlichkeit des Alltags zeichnet sich bereits während der ersten Szenen ab, als die Familie zum Baden an den nahe gelegenen See geht, bei der sogleich die distanzierte Sicht des Beobachters eingenommen wird. Alltägliches. Ebenso gleichgültig wird wenig später mit Ingenieuren gesprochen, die über die neue Technik von Verbrennungsöfen referieren. Geburtstage werden abgehalten, die Schwiegermutter eingeladen und der Schriftwechsel mit Ranghöheren wird beiläufig abgehandelt. Dass man sich mitten im Krieg befindet, könnten Unwissende lange Zeit gar nicht so recht einzuordnen wissen, was ein wenig an die kollektiven Aussagen vieler Zeitzeugen erinnert: Wir haben ja von nichts gewusst.
Das gestaltet die Angelegenheit einerseits maximal zynisch, was durch einige Aussagen auf bittere Art unterstrichen wird: „Wir haben hier alles was wir wollten, - direkt vor unserer Haustür.“ Andererseits verliert sich der Stoff in seiner Beliebigkeit, da es kaum eine Entwicklung zu verzeichnen gibt. Es gibt keinen dramaturgischen Faden und folgerichtig keinen Spannungsaufbau, sondern eine bedrückende Bestandsaufnahme, welche durch die Distanz ohne jegliche Nahaufnahme der Beteiligten noch verstärkt wird.
An der durchweg überzeugenden Ausstattung, den rundum soliden Darstellerleistungen und dem partiell recht starken Score ist indes nichts zu bemängeln, wobei einige Einschübe, die phasenweise ins Märchenhafte abdriften und eine stilistisch merkwürdige Nachtsichttechnik einbinden, deutlich von der ansonsten nüchternen Machart abweichen. Auch ein zeitlicher Bruch am Ende passt nicht so recht zur ansonsten recht dicht gehaltenen Atmosphäre.
Mit welcher Beiläufigkeit die Schrecken des Konzentrationslagers abgehandelt werden, gibt zwar in mehrerlei Hinsicht zu denken und dennoch stellt sich die Frage, ob man jene Sichtweise nicht mit etwas mehr konkreten Aspekten hätte abhandeln können. Oder als Kurzfilm mit intensivierten Tonspuren. Denn obgleich die rund 104 Minuten eine ungewöhnliche Erfahrung darstellen, so könnte man ihr ein weiteres Mal nichts hinzugewinnen.
6,5 von 10