Vielleicht ist diese Welt die Hölle einer anderen
In diesem unfassbar sterilen und cleanen, besonderen und meist durch den Gehörgang unter die Haut kriechenden Kriegsdrama von Brit-Styleminister Jonathan Glazer folgen wir dem Kommandanten von Ausschwitz und seiner Familie im Anwesen direkten neben dem Konzentrationslager, wo Schüsse, Schreie und Tod zwar dauerhaft in der Luft liegen, ihr kleines, fast paradiesisches Naziidyll aber scheinbar kaum trügen…
Die wichtigste Tonspur aller Zeiten?
„The Zone of Interest“ ist ein eiskalter und verstörender Film. Keiner, den man allzu oft in seinem Leben oder gar dicht nacheinander sehen will. Es sei denn man hat etwas z.B. auditiv verpasst. Doch diese klinische Kälte und dieses unmenschliche Ausblenden, Akzeptieren, Gutheißen der Schicksale nebenan machen Glazers abstoßend starkes Statement aus und sehenswert. Hüller und die weiteren deutschen Darsteller machen das super. Dass im isolierten Sommer '21 direkt neben Ausschwitz gedreht wurde, verleiht noch mehr Gänsehaut, Authentizität und Unbehagen. Der Klangteppich ist wohl das herausstechendste Highlight und wahrhaft der Stoff aus dem Alpträume gemacht sind. Absolut angsteinflössend, fies und krass. Ungemütlich wäre hier noch weit, weit untertrieben. Diese Parallelwelten, diese Schreie, diese Schüsse, die Ausblendung, der Qualm, der Rauch, das Gas, das Wimmern, die Babies, die Trauer, die Mauern. Tomatenbeete gefühlt 10-Meter-Luftlinie entfernt von Massengräbern. Ach, noch nichtmal, eher direkt menschlicher Dünger. Staub, Starrsinn, Vorhölle. „The Zone of Interest“ ist mir tief unter die Haut und in die Knochen gekrabbelt. Den spüre ich noch Tage danach. In seinen grausamen Details, in seinen tiefen Tönen, in seinen leeren Blicken. Ein wahrer Abstieg in Wahnsinn und Dunkelheit. Einer der ekelhaftesten Momente der menschlichen Geschichte. Gerade als Deutscher ist man da natürlich nochmal sprachloser und angeekelter, verstörter und trauriger. Was für Zustände, was für Ansichten, was für eine Entwicklung… Ich will nicht sagen, dass „The Zone of Interest“ einem realen Besuch heutzutage in einem KZ gleichkommt - aber es ist filmisch wohl das nahekommendste Pendant. Und jeder der selbst mal in seinem Leben vor Ort war, sollte wissen, wie sehr einen das mitnimmt, prägt und atemlos macht…
Beschränkter Horizont
Fazit: kalt, krank, stilsicher und immer wieder abartig gänsehauterzeugend… „The Zone of Interest“ ist einer der ultimativen Holocaust-Filme. Unvergesslich. Vor allem für die Ohren und das Kopfkino. Das Gegenteil eines Wohlfühlfilms. Lauert noch lange im Hintergrund, Unterbewusstsein, Nacken… Wichtiges Werk.