Catch the Killer
Serienkiller-Thriller, der große Vorbilder zitiert, ohne sie zu kopieren. Eine symbiotische Beziehung zwischen Inhalt und Bildsprache sowie darstellerische Glanzleistungen von Ben Mendelsohn und Shailene Woodley als ungleiches Ermittlerpaar machen den ersten US-Film des Argentiniers Damián Szifron zu einem sehenswerten Genrebeitrag.
Dem Serienkiller-Genre nach Silence of the Lambs und Seven noch frische Impulse zu geben ist eine Herausforderung, an die sich nicht viele herantrauen. Zu groß scheint die Fallhöhe, zu übermächtig der Referenzrahmen. Den Argentinier Damián Szifron schien diese Hypothek nicht anzufechten und frei nach dem Motto „No risk, no fun“ machte er sich ans ambitionierte Killer-Thriller-Werk. An Selbstbewusstsein mangelt es Szifron also nicht - als Showrunner der bis dato erfolgreichsten TV-Serie seines Landes (The Pretenders) und zigfacher Award-Gewinner für den Epiosdenfilm Wild Tales gibt es dafür auch keinen Anlass -, was man dem fertigen Film durchaus ansieht. In Punkto audio-visueller und atmosphärischer Gestaltung muss sich Catch the Killer keineswegs vor den übermächtigen Vorbildern verstecken, zu denen er durchaus einige Parallelen aufweist.
Große Vorbilder und charismatische Darsteller
Am deutlichsten ist dabei die Mentor-Zögling-Konstellation. In Catch the Killer übernimmt Ben Mendelsohn den Part des erfahrenen Profilers, äquivalent zu John Glen (Jack Crawford in Silence of the Lambs) und Morgan Freeman (William Sommerset in Seven). Auch FBI Special Agent Lammark hat schon alles gesehen und ist von der jahrelangen Hatz auf Mörder und Psychopathen gezeichnet. Der Blick in menschliche Abgründe hat ihn ebenso desillusioniert wie die aufreibenden Scharmützel mit bornierten Vorgesetzen und opportunistischen Politikern. Was ihn aber nicht verlassen hat, ist sein untrügliches Gespür für talentierte Nachwuchskräfte wie Streifenpolizistin Eleanor Falco (Shailene Woodley). Auch Woodleys Figur hat ein Gegenstück in Silence of the Lambs. In ihrem Fall ist die Abziehbildgefahr ungleich größer als bei Kollege Mendelsohn, schließlich hat Jodie Foster als Clarice Starling Filmgeschichte geschrieben. Zumal sie mit ihrer Interpretation als äußerlich spröde, mit einem Panzer aus Härte und Unnahbarkeit die inneren Dämonen verbergende Getriebene, beinahe als Starlings Zwillingsschwester durchginge.
Es ist Szifrons Geschick als Autor und Regisseur, aber auch dem Charisma seiner Darsteller zu verdanken, dass diese offensichtlichen Analogien nicht im Plagiat-Sumpf absaufen. Lammark rekrutiert Falco für sein Team, nachdem er in der Kaffeeküche ein spontanes Brainstorming zur Motivation des gesuchten Killers aufschnappt. Falco handelt generell beiläufig intuitiv und so subtil, dass man es auch leicht übersehen könnte. Nicht so Lammark, der eine feine Antenne für Falcos Ermittler-Gen besitzt („Ich erkenne Talent, wenn ich es sehe.“). Aber erst das Zusammenspiel von Mendelsohn und Woodley macht diese zunächst nur gescriptete Beziehung zu dem Faszinosum, das zwar nicht den gesamten Film tragen muss, aber ihn eben entscheidend über das Gros ähnlicher Werke hievt. Man könnte den beiden auch deutlich länger als die zweistündige Laufzeit zusehen und wäre noch immer gebannt. Fast wünscht man sich sogar das Serienformat, fast, da wohl wissend, dass dies die Figuren leichter dekonstruierbar und damit weniger aufregend machen würde.
Stromlinienförmige Handlung und atmosphärische Bilder
Die eigentliche Geschichte verläuft stromlinienförmiger. In der Silvesternacht erschießt ein unbekannter Scharfschütze in Baltimore offenbar willkürlich 29 Menschen vom Dach eines Hochhauses. Kurz nachdem die örtliche Polizei das entsprechende Apartment ausfindig gemacht hat, geht eine Sprengladung hoch und vernichtet alle potenziellen Beweise und Spuren. Das FBI wird hinzugezogen und Special Agent Lammark leitet eine kooperative Taskforce. Streifenpolizistin Falco filmt derweil geistesgegenwärtig die Gesichter sämtlicher aus dem Gebäude strömender Menschen. Nach einem zufälligen Gedankenaustausch zu den Motiven des Täters holt Lammark die junge Polizistin in sein Team. Schnell finden sie heraus, dass der Täter einen militärischen Hintergrund haben muss, und die lokale Politprominenz wähnt sich bereits am Ziel einer schnellen Aufklärung. Ein fataler Irrtum, der nicht nur weitere Todesopfer fordert, sondern auch Lammark und Falco immer weiter in die Enge und persönliche Grenzbereiche treibt.
Szifrons Landsmann Javier Juliá findet fast schon edle Bilder für die von Beginn an bedrückende Atmosphäre. Das ist auch inhaltlich motiviert, denn Begriffe wie Schönheit, Ruhe, Sinnlichkeit spielen eine entscheidende Rolle. Anmut und Abgrund sind oft nur einen Steinwurf oder einen Bewusstwerdungs-Klick voneinander entfernt. Die in einigen Rezensionen anklingende Kritik am unvermittelten gesellschaftskritischen Einschlag des letzten Drittels greift zu kurz, denn der Plot ist von Beginn an sehr konsekutiv und stringent gebaut. Auch wenn die eigentliche Kriminalhandlung der klassischen Abfolge von Tat, Ermittlung, Rückschlag und Auflösung folgt, packt der Film bis zum Schluss, ohne dabei reißerisch zu sein. Szifron verhandelt nicht nur Jagd und Motivkomplex des Killers, er seziert auch Seelenleben und Persönlichkeitsstruktur seines ungleichen Ermittlerduos. Dass er dabei nicht den Überblick verliert, oder nur an der Oberfläche kratzt, ist neben der betörenden Bildsprache ein wesentlicher Grund für den sogartigen Flow des Films.
Das Ende hinterlässt sowohl Zufriedenheit wie auch Nachdenklichkeit, ein friedliches und zugleich unruhiges Gefühl. Catch the Killer hat damit durchaus eine eigene Stimme im vermeintlich auserzählten und referentiell abgesteckten Serienkiller-Genre. Eine elegante Fingerübung, wobei der Begriff eine Simplizität und Beiläufigkeit konnotiert, die ihm nicht gerecht wird. Es ist mehr die Leichtigkeit, mit der Szifron ein im Kern schwermütiges und bedrückendes Szenario erschafft und mit der er sowohl emotional wie auch intellektuell zu fesseln weiß.