Es gibt da [Achtung: Spoiler!] früh im Film ein Pfandleihhaus mit dem Namen Oz Pawn. Und es ist durchaus auch berechtigt, dabei an den Wizard of Oz zu denken, denn der Technicolor-bunte "The Wizard of Oz" (1939) – die wohl bis heute populärste L.-Frank-Baum-Verfilmung – gehört zu jenen Filmen, die einmal in Großaufnahme auf dem Fernseher der Hauptfiguren zu sehen sind; und auch der gelbe Steinweg wird an späterer Stelle noch zu sehen sein. Und es passt ja auch: Einmal der Träumer, der seiner tristen Realität entkommen will, einmal der Blechmann, der auch hier ein Rost-Problem bekommen wird.
Wobei: Blech-Mann? Die Geschlechterfrage bleibt letztlich unbestimmt bei beiden Zeichentrickfiguren; doch angesichts einiger eher mit männlichen Figuren assoziierten Details – etwa den Action-Spielzeugfiguren oder den Glatzen – und angesichts des gleichzeitigen Ausbleibens der eher mit weiblichen Figuren assoziierten Details, die sich bei etlichen Nebenfiguren durchaus finden lassen, deutet sich doch merklich an, dass Pablo Bergers Animationsfilm ganz nebenbei auch eine schwule Beziehung zum Thema hat. Und da macht der Name Oz dann gleich nochmals Sinn: denn nicht nur gilt der Tod von "The Wizard of Oz"-Darstellerin Judy Garland als einer der Triggerpunkte der Stonewall-Unruhen von 1969 und Garland selbst als Schwulenikone, sondern auch das Satiremagazin Oz – von John Lennon einst in "Do the Oz" (1971) und "God Save Oz" (1971) besungen – war mit einer seinerzeit gewagten Annäherung an Themen wie Homosexualität ein kleines Idol schwuler, ja queerer Communities.
Und zugleich sind die Zeichentrickfiguren wie so viele ihrer Artgenoss(inn)en seltsam asxuell: der Hund ohne Geschlechtsteile und sein Roboter ohne Geschlechtsteile. Diesen bestellt sich der Köter, der bei Fastfood vor der Flimmerkiste und dem Blick ins Nachbarfenster mit schmusendem Pärchen seiner Einsamkeit gewahr wird, nach entsprechender Werbesendung – und bastelt sich kurz darauf seinen Kunstmenschen aus der Postlieferung zusammen. Und flugs vergnügt man sich bei Spiel, Musik und Tanz, im Park, am Strand... Das einsame Lebewesen, das sich in eine künstliche Nachahmung eines Lebewesens verliebt: Das war die Story in Spike Jonzes "Her" (2013), wo sich Joaquin Phoenix in eine AI verliebt, die mit Scarlett Johanssons Stimme spricht. Auch dort besorgt ein Strandausflug einen besonders bizarren Kontrast.
Aber "Robot Dreams" ist trotzdem – und trotz seines Titels, der an Philip K. Dicks "Do Androids Dream of Electric Sheep" (1968) denken lässt – kein Film über AI. Sowenig wie ein Film über genuin homosexuelle oder schwule Liebe. All das wird irgendwie angespielt – wie auch dutzende Filmklassiker von "The Wizard of Oz" über Fred M. Wilcox' "Forbidden Planet" (1956) (der schon Eingang in die Songtexte der queeren "Rocky Horror Show" (1973) fand, aber eben auch einen freundlichen Roboter enthielt), Alfred Hitchcocks "Psycho" (1960) (der auf maßgebliche, wenngleich nicht gerade positiv konnotierte Weise das Switchen zwischen geschlechtlichen Identitäten enthielt), John Schlesingers "Midnight Cowboy" (1969) (den frühen Hollywood-Klassiker zur Homosexualität), "Star Wars" (1977) (mit seiner Freundschaft zwischen C3PO and R2D2), "Shining" (1980) oder "A Nightmare on Elm Street" (1984) und zig weitere populäre Klassiker bis "Her" –, aber das eigentliche Thema ist dann die Freundschaft selbst, die auch ins Gebiet der Liebe ragen kann (aber nicht muss).
So verbringen Köter und Roboter in trauter Zweisamkeit ihre Zeit, bis sich Letzterer nach dem Strandbesuch nicht mehr zu bewegen versteht. Die Hilfeversuche sind vergeblich; ihnen kann der Hund erst in der kommenden Saison wieder nachgehen. Bis dahin ist jeder von ihnen für sich allein, denkend an den anderen, aber auch Ablenkungen in anderen Begegnungen findend. Und am Ende wird man sich dann wieder verfehlen: jeder hat wieder jemanden kennen- und mögen gelernt. Und eine Kontaktaufnahme wird sich der Roboter in einer irritierend konservativen Volte – nach welcher eine gute Beziehung nur zwischen exakt zwei Figuren denkbar scheint – dann letztlich lieber verkneifen. Zu einstigen gemeinsamen Lieblingssong tanzt man dann nur getrennt bzw. mit neuen Gefährten.
Bis dahin ist der 100-minütige, dialoglose Streifen eine Aneinandereihung von – erlebten wie erträumten – Episoden zum Thema Freundschaft. In seinem Verzicht auf Sprache und in den Verweisen auf andere Filme bleibt sich Berger treu, der mit "Blancanieves" (2012) kurz nach Michel Hazanavicius' Part Talkie "The Artist" (2011) einen Stummfilm ins Kino brachte, als bereits die gesamte Filmkunst des 20. Jahrhunderts für die meisten Gelegenheitsfilmkonsument(inn)en ein überholtes Relikt zu sein schien. Ganz neu für Berger ist dafür die – in ihren Beschaffenheiten erstaunlich wenig nostalgische – Zeichentrickform: eine Form, die dazu einlädt, Unechtes, Simuliertes als Identifikationsobjekt zu akzeptieren, Gefühle gezeichneter, animierter und projizierter Figuren für bare Münze zu nehmen, um mitzufühlen... Und da ist der Film dann doch wieder beim Thema AI, bei dem die eigentlich relevante Frage nie lautet, wie viel Bewusstsein in ihr steckt, sondern mit welchen Gefühlen man ihr weshalb begegnet.
Und so ist Bergers familientauglicher Animationsfilm ein Film über Freundschaft, der einem gereiften, geneigten oder betroffenen Publikum aber auch zwischen der ansteigenden gesellschaftlichen Akzeptanz für Queerness einerseits und den pervertierten, kommerzialisierten technischen Ablenkungsmöglichkeiten für die Vereinsamten andererseits von Einsamkeit und der Suche nach Verbundenheit handelt: eine, die auch die soziale Norm hinter sich lassen kann und sich alternativen Lebensmodellen öffnen kann; aber auch eine, die Gefahr läuft, sich in der finanziellen Interessen unterliegenden Simulation zu verheddern. Dass "Robot Dreams" die Beziehung zum bestellten, erworbenen und zusammengebauten Kunstwesen so positiv konnotiert, um am Ende aber nicht die Grenzen einer Zweierbeziehung aufbrechen zu wollen, zählt zu den konservativen Macken eines sich grundsätzlich queer gebenden Films.
Schwache 7/10