Nun ist er also wieder draußen, der von der Presse "Balkon-Mörder" getaufte Sergio Ciscar (Arón Piper) - 6 Jahre nachdem er als Teenager seine Eltern vom Balkon gestürzt hatte, darf der junge Mann nun mit einer elektronischen Fußfessel als Freigänger wieder am normalen Leben teilhaben. Was Sergio allerdings nicht weiß: in der splendiden, von seinen Eltern geerbten Wohnung, dem ehemaligen Tatort, hat ein Team von Polizeispezialisten unter der Leitung der Psychiologin Ana Dussuel (Almudena Amor) dutzende Kameras installiert und überwacht so den Alltag des Elternmörders 24 Stunden lang. Zweck der Übung ist die Suche nach dem Motiv für den Doppelmord, denn Sergio hatte sich vor Gericht nie erklärt, seine Strafe kommentarlos hingenommen und war gegenüber allen Ermittlern dem Titel entsprechend stumm geblieben.
Das Sprechen hat der Twen freilich nicht verlernt, doch gab es auch während der Haftzeit nur sehr wenige Menschen, mit denen er kommuniziert hatte. Einer davon ist Natanael (Ramiro Blas), Oberhaupt einer christlichen Sekte, der neben anderen verloren Schafen auch Sergio dazu bewegen konnte, wieder zum Glauben zu finden. Eine andere für ihn wichtige Person ist die junge Marta (Cristina Kovani), die Sergio häufig geschrieben und im Gefängnis besucht hatte. Marta, eigentlich in festen Händen und gerade davor, mit ihrem Freund Eneko zusammenzuziehen, fühlt sich magisch angezogen von Sergio und sucht diesen sofort nach dessen Entlassung auf. Doch der auf Bewährung Entlassene will gar nichts von Marta, ist er doch, wie sich bald herausstellt, nur auf der Suche nach seiner jüngeren Schwester Nao, von der er seit der Bluttat nichts mehr gehört hat und die bei einer unbekannten Pflegefamilie untergekommen ist.
Während nun die Psychologin und ihr Team jeden Schritt von Sergio verfolgen und nebenbei Marta unter Druck setzen, Sergio Geheimnisse zu entlocken, beginnt der Balkon-Mörder langsam, Teile seiner Persönlichkeit zu offenbaren, die von seiner Umwelt allerdings nicht immer richtig gedeutet werden...
Die spanische Netflix-Produktion Stumm dreht den Spieß diesmal um und macht aus dem bekannten whodunit eine Suche nach dem Grund für einen (Doppel-)Mord. Eine prinzipiell interessante Ausgangslage, ist doch Hauptdarsteller Sergio ein durchaus undurchsichtiger Bursche, der wenig Worte macht, dessen unbewegliche Mimik kaum verrät, daß er ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt, der sich verhältnismäßig viel gefallen läßt und nur selten Wutausbrüche zeigt, nämlich dann, wenn er bewußt provoziert wird. Zahlreiche Subplots durchziehen die 6-teilige Serie, von denen manche für die Grundfrage nach der Motivation interessant erscheinen, die meisten jedoch ins Nichts führen. Statt mit einer Verknüpfung der Fäden zu einer logischen Schlußfolgerung zu gelangen, wartet der Streifen dann allerdings mit einem plottechnisch glatten Reinfall auf und läßt die allermeisten Fragen unbeantwortet.
Der unbefriedigende Gesamteindruck wird auch von dem kaum an der Realität orientierten Setting gespeist: wieso findet eine derart intensive Oberservation statt, obwohl der Täter den Großteil seiner Strafe bereits verbüßt hat und nun auf Bewährung draußen ist? Wer genehmigt derlei kostenintensive Einsätze bei der spanischen Polizei und ist die Installation von Wanzen und Kameras, die an US-amerikanische RICO-Überwachungen von schwerkriminellen Mafiosi erinnern, überhaupt angemessen bzw. rechtlich gedeckt?
Ein weiterer Knackpunkt sind die durch die Bank unsympathischen Filmcharaktäre, vom Hauptdarsteller angefangen (der entgegen dem Filmtitel nicht wirklich stumm bleibt) über das selbsternannte Love interest Marta bis hin zur absolut ungewöhnlich engagierten Psychologin, die sich von der anfänglichen Beobachterin (welche Polizisten vom Eingreifen abhält, als Sergio Prügel bezieht) im Laufe der Serie ohne nähere Erklärung zur Verteidigerin des Elternmörders wandelt.
Diese die Ermittlungen leitende Ana agiert zunehmend ohne Bezug zur Realität, scheint keine Vorgesetzten fürchten zu müssen, versteckt sich sogar in Sergios Wohnung in einem Geheimraum und erlebt einen Orgasmus, als sie auf den Überwachungskameras Sergio und Marta beim Bumsen zuschaut - wtf??
Marta wiederum, eine ca. 19-jährige Verkäuferin, fährt von Anfang an zweigleisig (wieso?), erklärt zwar permanent, daß sie bei ihrem Freund (einem Immobilienmakler) bleiben will, trifft sich aber dann doch häufig und in Eigeninitiative mit Sergio, ohne daß dies in irgendeiner Weise begründet erscheint. Bemerkenswert auch der Sektenführer, optisch ein Telly-Savalas-Verschnitt ("Kojak"), von seinem Auftreten her jedoch ein Schweinepriester wie er im Buche steht: herrschsüchtig, befehlend und manipulativ.
In diesem Mikrokosmos wenig realistischer Proponenten - die holzschnittartigen Ermittler sind ohnehin nicht weiter erwähnenswert - bewegt sich die ganze Geschichte von Stumm, dessen anfängliche Spannung dann immer weiter nachläßt, um zum Schluß eine - man ist schon fast geneigt zu sagen: Netflix-typische - enttäuschende "Auflösung" zu bieten. Schade, aus dem Stoff hätte man mehr machen können. 4,51 Punkte.