Review

Das Cover der englischen DVD von Andrew Parkinsons zweitem Film geizt nicht mit Superlativen. "The Trainspotting of Cannibal Movies", prangt da stolz im oberen Bereich, während unten ein simples "Astonishing" Lust auf den Streifen machen soll. Der Covertext auf der Rückseite meint überhaupt: "...Andrew Parkinson, whose socially realistic style has been described as a mix of Mike Leigh, Ken Loach and George Romero." Bei so vielen Vorschusslorbeeren kann der Film dann doch nur abstinken, oder?

Falsch. DEAD CREATURES ist mindestens ebenso großartig wie der Vorgänger I, ZOMBIE (und überhaupt (für mich zumindest) einer der besten und interessantesten Genrefilme seit Jahren), aber doch auch sehr anders. Im Gegensatz zu Parkinsons Erstling, der das Schicksal eines einzigen Menschen zum Inhalt hatte, wird uns in DEAD CREATURES gleich eine ganze Gruppe präsentiert. Der Zuseher wird ohne Erklärungen mitten in die Geschichte reingeworfen und wird gezwungen, mitzudenken und sich selbst einiges zusammenzureimen. Zwar füttert uns der Regisseur nach und nach mit Informationen, doch erst gegen Ende wird die Bedeutung gewisser Charaktere klar. Die fünf Frauen (wovon eine halb verwest ist und von den anderen umsorgt und gefüttert wird) sind Ausgestoßene der Gesellschaft, die von billiger Unterkunft zu billiger Unterkunft ziehen, damit man ihrem grausigen Treiben nicht auf die Spur kommt. Sie sind alle mit einer seltsamen Krankheit infiziert, die sie zwingt, in regelmäßigen Abständen (in etwa alle 6 Stunden) Nahrung zu sich zu nehmen. Nicht irgendwelche, sondern frisches Menschenfleisch. Bleibt dies aus, so verwandelt sich die Betroffene in eine unkontrollierbare Bestie. Durch den Kannibalismus halten sie ihre Triebe in Zaum, auch wenn die Zukunft wenig rosig erscheint. Am Ende - in ein paar Wochen, Monaten... mit Glück vielleicht Jahren - steht immer der Zerfall des Körpers. "Don’t think about the future. The present is all that you’ve got, so make the most of it", sagt eine der Frauen zum Neuankömmling. Denn sie nehmen ein junges, eben infiziertes Teenager-Mädchen in ihre Gemeinschaft auf.

Auf ihren Fersen befindet sich auch ein mysteriöser Zombie-Jäger, der verzweifelt Informationen über eine bestimmte Person sammelt, ohne Rücksicht auf Verluste. Er überwältigt die Infizierten, verhört sie, und richtet sie schließlich mit einer speziellen Waffe hin (was stark an die Tötung von Schlachtvieh erinnert). Seine Motivation bleibt lange im Dunkeln, und seine Methoden sind extrem grausam. Auch wenn DEAD CREATURES nicht so hemmungslos niederschmetternd wie sein Vorgänger ist (dafür ist er viel professioneller umgesetzt), so ist doch ein zappendusterer Film herausgekommen (unterstützt von den tollen Locations wie heruntergekommene, verfallene Häuser, dreckige Wohnungen und trostlose Behausungen), der nicht wirklich leicht zugänglich ist. Mainstreamfilmfans werden mit diesem intensiven Zombiemelodram wohl wenig bis gar nichts anfangen können. Die Infizierten sind natürlich nicht die typischen Zombies, da sie über weite Strecken wie du und ich erscheinen, weshalb man bald beginnt, sich mit ihnen zu identifizieren. Wie bei keinem anderen "Zombiefilm" zuvor schafft es Regisseur Parkinson mit einer Leichtigkeit, Gefühle für die Kreaturen zu erwecken. Man versteht sie, man leidet mit ihnen, man fühlt ihren Schmerz. Und man weiß, dass es kein Happy End geben kann, auch wenn hin und wieder ein klein wenig Hoffnung durchschimmert. Unterstützt wird die interessante Geschichte durch einen hervorragenden Score, starken schauspielerischen Leistungen, stimmungsvoller Kameraarbeit und spärlich, aber effektiv eingesetzten Splattereffekten, die manchmal verdammt drastisch ausfallen. Ist man nur auf Gore aus, so ist man hier definitiv im falschen Film. Will man sich aber mal wieder einen innovativen, unter die Haut gehenden Schocker zu Gemüte führen, der mit lebendigen Charakteren aufwartet (obwohl es sich eigentlich um Dead Creatures handelt) und mit interessanten Subtexten gespickt ist, über die es sich nachzudenken lohnt (Krankheit, (Drogen)Sucht, Aids, gesellschaftliche Randgruppen), dann kann ich DEAD CREATURES wärmstens empfehlen. Wer einen Zombiefilm á la Romero oder gar Fulci erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden. Vielmehr entwickelt sich DEAD CREATURES in Richtung Romeros MARTIN bzw. weist auch Parallelen zur Body-Horror-Thematik von David Cronenberg (wie z. B. RABID) auf, macht aber was völlig eigenständiges daraus. Ich schließe mit einem Dialog zwischen zwei Frauen, nachdem sie eine stark verweste Freundin von ihrem Elend erlöst haben:

- "How do we deal with it? How do we deal with any of it?"
- "By not thinking about it. By getting on with the rest of our lives."
- "Yeah, but what’s the point, when it’s all gonna end like this?"
- "It’s going to... there is no point... to any of it."

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