Jetzt aber mal im Ernst: Wer seine Kleinstadt „Comet Valley“ tauft, darf anschließend auch nicht jammern, wenn mal wieder das Böse vom Himmel regnet. Das ist ja fast so, als würden die Gallier bei Majestix vorsprechen und ihn darum bitten, ihr Dorf in „Heaven Falls“ umzubenennen.
Himmelskörper hagelten im vorangegangenen Jahrzehnt jedenfalls unzählige auf die Erde nieder, zumeist mit Kurs auf abgelegenes Wald- und Wiesenland. In der Lovecraft-Adaption „The Curse“ (1987) schlug ein Meteorit auf dem Landgut einer Farmerfamilie ein und veränderte Mensch, Tier und Vegetation; in „Der Blob“ (1988) diente ein weiterer Meteorit als Transportmittel für einen Außerirdischen in der Nicht-Form einer gelatinösen Masse. Wie das Ortsschild von „Comet Valley“ schon erahnen lässt, versteht sich die Full-Moon-Videoproduktion „Seedpeople“ nun als augenzwinkerndes Derivat solcher im Handlungsrahmen eher klein skalierter Science-Fiction-Geschichten, die ihren Ursprung zweifellos in den Groschenromanen und Comics des frühen 20. Jahrhunderts haben.
Gedreht in der malerischen Wald-, See- und Gebirgslandschaft San Bernardinos, deutet auch das Setting von „Seedpeople“ in diese Richtung. Full Moon wäre aber nicht, was es ist, würde man dort nicht über den Groschen hinaus denken. Es sind vielmehr die großen Science-Fiction-Klassiker der 50er Jahre, deren Reproduktion ins Auge gefasst werden, namentlich „Die Triffids“ und vor allem „Die Körperfresser kommen“, samt deren Verfilmungen.
Das mit haufenweise Desoxyribonukleinsäure und anderen Körpersubstanzen angereicherte genetische Chaos dieser Vorlagen nutzt Regisseur Peter Manoogian („Eliminators“, „Demonic Toys“) als Gelegenheit, frei von der Leber weg eine kleine C-Produktion in Szene zu setzen, die niemandem eine Erklärung über ihre Funktionsweise schuldig ist; nicht dem Produzenten und schon gar nicht dem Publikum, das sich von den bizarren Alien-Kreaturen auf dem phosphoreszierenden Poster, bei denen es sich genauso gut um eine Giger-Version der „Schlümpfe“ handeln könnte, zu einer Sichtung hat hinreißen lassen.
In Wirklichkeit, da hatte wohl jemand heiße Liebe für die „Critters“-Filme übrig, die im gleichen Jahr zur Quadrilogie ausgebaut worden war. Rollende Kokosnüsse, die durch die Landschaft purzeln, als hätte Donkey Kong persönlich sie geworfen, lassen umgehend auf die haarigen Kreaturen aus dem All schließen, erst recht, wenn sie sich aus der Rollbewegung heraus ausklappen und als Jump Scare ihre hässlichen Gummifratzen entblößen, die nicht anders gelesen werden können als in Form einer nochmaligen Degenerierung der Animatronics aus Joe Dantes „Gremlins“ – als hätte der arme Gizmo nicht schon genug Leid zu ertragen mit den schleimig-warzigen Abkömmlingen erster (De-)Generation.
Die Effektabteilung aus dem Hause Full Moon ist dementsprechend auch spürbar an der erstaunlichen Vielfalt der Dante-Schule interessiert, schließlich reicht das aufgebotene Spektrum vom flatternden Gummispielzeug am Nylonfaden bis zum Latex-Ganzkörperkostüm, für das sich der körperbehinderte Darsteller Matt Demeritt als armer Tropf in ein schwitziges Kostüm zwängen und den lieben langen Film damit auf den eigenen Armen fortbewegen musste.
Die vermeintliche Variabilität im Monsterdesign jedoch ist ein Trugbild. Qualitativ ist das Gebotene ohnehin mehr als durchwachsen: Während das fintenreiche Arsenal der außerirdischen Blumen zumindest für Heiterkeit sorgt (von einer Feuerschlauchsalve milchiger Flüssigkeit, die aus dem Kontext gerissen eine Persiflage auf den klassischsten aller Money Shot in der Pornoindustrie sein könnte, bis zur Maiskern-Maschinenpistole, deren Opfer als eine Art Symbol für den Tod des Popcorn-Kinos auf dem Rasen verendet), vermag die knautschige Anmutung der Aliens nicht einmal Critters-Fanboys in Verzücken zu versetzen. Erstaunlich ist allenfalls, dass mit den Found-Footage-Einschüben von einer Videokamera bei einer Undercoveraktion inmitten von infiltrierten Menschen fast schon ein wenig das Mystery-Flair der 90er-Jahre-Kultserie „Akte X“ aufkommt, die ein Jahr später an den Start ging.
Trockene Mensch-Monster-Metamorphosen, die nur über den Schnitt gelöst werden anstatt wie sonst im C-Movie-Bereich üblich durch unvollkommene Handeffekte, orientieren sich wiederum unerwartet eher an der spröden Effektivität des gehobenen Horrorfilms der 70er Jahre, zu dem eben auch Philip Kaufmans „Die Körperfresser kommen“ (1978) zu zählen ist. Die Darsteller müssen sich lediglich in die Hocke begeben und ein Schnitt später beginnen die Kugeln zu rollen – das ist nicht nur eine günstige, sondern auch eine hochgradig effektive Methode, eine Transformation mit filmischen Mitteln zu bewerkstelligen.
Das alles könnte zumindest mit der Erwartung an billige Kleinstadthorror-Videothekenware vortrefflich unterhalten, unterläge nicht auch Manoogian dem Zwang, eine Handlung voranzutreiben. Ein narrativer Rahmen soll die Geschehnisse mit Bedeutung beschweren und nicht zuletzt einen letzten kleinen Twist vor dem Abspann vorbereiten, bevor sich die Klammer schließt, aber viel fällt dem Regisseur auf dieser Ebene mit seinen eher unauffälligen Darstellern nicht ein, die schon völlig aus der Haut fahren oder Aluhüte 2.0 (in Form leuchtender Reifen am ganzen Körper) tragen müssen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Twin-Peaks-Gemütlichkeit (die Dreharbeiten fanden übrigens nur wenige Autominuten von einem Ort namens Twin Peaks entfernt statt) führt hier keineswegs zu Lynch’schem Hochgefühl, sondern lediglich zu langen Wartezeiten auf die nächste unterwältigende Alien-Attacke.
Das heute so nicht mehr reproduzierbare 80er-Flair (damals wohl schon, gedreht wurde immerhin Anfang der 90er) und die hübsche Kulisse entschädigen immerhin ein wenig für den immensen Leerlauf und die wenig überzeugenden Effekte, die der ungehemmten Freude an einem launigen dtv-Replikat der Gattung „Cosmic Invasion“ leider zu sehr im Weg stehen. Und dennoch: Dass Full Moon ausgerechnet diesem Film bis heute die Fortsetzung verwehrt, während sich Puppen und Bongs von einem Sequel zum nächsten fräsen, ist angesichts des unausgeschöpften Potenzials zumindest diskussionswürdig.