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Rauchgeschwängerte Kneipen, viel Alkohol, kein Lebensinhalt und Dialoge, die Momentaufnahmen des täglichen Lebens sind. 1989, Berlin-Kreuzberg, Herr Lehmann steht wie jeden Tag in der Kneipe und schenkt Bier aus. Sein Kumpel Karl besitzt eine Kneipe, seine Eltern besuchen ihn in der Kneipe, seine Freunde sind in der Kneipe - Herrn Lehmanns Leben spielt sich ausschließlich in düsteren Lokalen ab, untermalt mit stilvoller Musik.

Herr Lehmann ist der Kumpel von nebenan, ein sympathischer Typ, unauffällig, eben auffällig normal. Man kennt ihn, mag ihn, fragt ihn um Rat, für die Eltern eben ein guter Junge. Er erkennt, dass sein Leben allein seines ist und er es zu Leben hat und genießen möchte, so wie es seinen Vorstellungen entspricht. Die Atmosphäre ist liebenswert, einzelne Szenen bleiben im Gedächtnis, Gedankenfäden wie aus Träumen spinnen sich durch den Film, der rote Faden ist ein Ausschnitt mitten aus dem Leben.

Um was es eigentlich geht, Sinn und Ziel des Filmes - das alles erschließt sich auch am Ende nicht wirklich. Was aber nicht weiter dramatisch ist. Die Gespräche, und wenn sie auch noch so von banalen Dingen handeln, kennen wir alle aus unseren eigenen Erlebnissen. Zusehen, zurücklehnen und genießen. Andere Ansprüche darf man nicht haben um nicht enttäuscht zu werden. Doch die auf Zelluloid gebannten Nebenschauplätze und Rahmenhandlungen machen den Kern eines Filmes aus, der es verdient hat gesehen und gemocht zu werden. Ein herrenloser Hund der Whisky bevorzugt, eine Kellnerin die ihre tiefe Sehnsucht lange verbirgt, eine Köchin die falsche Spiele mit Herr Lehmanns Gefühlen spielt, Karl der Künstler der an seinen eigenen Erwartungen zerbricht. Niemand erhebt kritisch die Hand und hinterfragt den latent vorhandenen Alkoholismus, niemand gibt uns vor was wir zu denken haben, niemand erhebt mahnend die Hand um uns einen versteckten tieferen Sinn nahe zu bringen, damit wir nach dem Filmende versuchen bessere Menschen zu werden. Du kannst einfach aus dem Kino spazieren, in die nächste Kneipe gehen und noch ein Bier trinken und Dir eine Zigarette dazu anzünden, denn hey, es ist ok so!

Was Leander Haußmann (Regie) und Claus Boje (Produzent) hier auf die Beine gestellt haben, dürfte ein großer Wurf sein, wenn auch leider nur für Insider und ein kleines Publikum. Vielleicht ist das aber auch gut so, im Mainstream-Multiplex-Kino wäre der Film fehl am Platze. Aber die Liebe zum Detail erkennt man sofort, was Voraussetzung ist für ein gelungenes Werk. Auch die kleinste Nebenrolle ist gut ausgearbeitet und passt ins Gesamtbild.

Kein Wunder, wieso der Film mit seinen Facetten besticht: Das Buch stammt von Sven Regener. Wer das ist? Der Frontmann von der Gruppe "Element Of Crime". Wenn Du die Gruppe nicht kennst, solltest Du erstmal deren Lieder anhören, bevor Du den Film anschaust. Wenn Du deren Musik magst und Dich in ihren Texten wieder findest, ist auch der Film das richtige für Dich, ist er doch in gewisser Weise letztlich visueller Ausdruck dieser Musik.

Für mich ist der Film ein schönes Erlebnis, passend zu den melancholischen Herbsttagen mit der Atmosphäre von knisterndem Kaminfeuer, warmem Badewasser, einer CD von Element Of Crime und ein gutes Buch in der Hand. Und auch das ist Geschmackssache.

(9/10)

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