Gute Bücher sind eine Sache, gute Buchverfilmungen eine Andere. Besonders wenn es sich um die Verfilmung eines der wohl schönsten und ehrlichsten Bücher seit langem aus Deutschland handelt, darf man sicherlich skeptisch sein. Letztlich ist diese Skepsis aber vollkommen unbegründet, denn Herr Lehmann trifft die Stimmung des Buches, und gleichzeitig mitten ins Herz von jedem der es gelesen hat.
Geschrieben von Sven Regener, seines Zeichens Leadsänger, Trompetespieler und Texter bei einer der besten deutschsprachigen Rockbands, Element of Crime, ist das Buch wie auch der Film, vordergründig die Geschichte von Frank Lehman, den seine Freunde alle Herr Lehmann, nennen, warum weiß keiner so genau, aber das ist auch nicht wichtig. Herr Lehman ist am Ende seines 29. Lebensjahres angekommen. Die große 30 schwebt über ihm, scheint sich seiner bemächtigen zu wollen. Herr Lehmann ist zufrieden mit seiner Situation, er lebt in Berlin, West natürlich, denn wir schreiben das Jahr 1989, mitten in Kreuzberg. Sein Leben ist ok, auch wenn er selber es sich nicht als perfekt bezeichnen würde. Er hat einen Job, er arbeitet hinter der Theke einer kleinen Kneipe, hat seinen Freundeskreis, allen voran den Künstler und Kneipenwirt Karl, und wenn es mal Probleme gibt, setzt man sich an die Theke und trinkt erst mal in ruhe ein Bier.
Das alles kommt durcheinander, erst langsam, dann immer schneller, bis sich am Ende nicht nur Herr Lehmann aus seiner Lethargie erhebt, sondern die ganze Stadt, das ganze Land sich verändert. Bis es soweit ist, hat Her Lehmann eine Begegnung mit einem Whiskey liebenden Hund, einer schönen Köchin, die ihre eigenen Vorstellungen von Liebe hat, einem Dauerkneipengast namens "Kristall-Rainer", einem Schwulenbar-Besitzer den alle nur Lederuschi nennen, seinen Eltern und einer Gruppe DDR Zöllner. Es sind diese Figuren, die alle trotz ihrer mehr oder weniger hervortretenden Eigenarten und Macken, den Film so wahr und real erscheinen lassen. Irgendwo haben wir sie alle schon gesehen, kennen sie selber, wissen das sie genau wie wir alle, wie Herr Lehmann auf der Suche sind, auf der Suche nach dem Sinn. Das Herr Lehmann nicht weis das er auf der Suche ist, ist dabei nebensächlich, denn letztlich wird er auch ohne danach gesucht zu haben etwas gefunden haben, das werden keine grandiosen Erkenntnisse oder Weisheiten sein, aber es sind doch Erfahrungen die ihn voranbringen.
War es bei Sonnenallee die DDR Zeit der 70er Jahre und Jugenderinnerungen die Leander Haußmann seinem Publikum in großartiger Weise präsentierte, sind es diesmal die späten 80er Jahre, in einer Stadt die immer noch geteilt ist, und die ob ihrer Ausnahmestellung ein Anlaufpunkt für schräge Typen und "Auswanderer" ist. Abgeschottet vom Rest des Westens entwickelte sich in Kreuzberg die Kultur weiter auf eine besondere ganz eigene Art. Die linke Szene ist groß und die ganze Gegend ein Schmelztiegel, der immer wieder Künstler und Bands ausspuckt, die sich auf machen zu verändern. In dieser Atmosphäre spielt "Herr Lehmann", und er fängt sie perfekt ein. Man meint fast die verrauchte Luft und den abgestanden Bierdunst zu riechen und zu schmecken, so großartigen wurden Sets und Locations ausgewählt und dekoriert. Und doch, oder gerade wegen diesem Realismus, den die Episoden aus Herrn Lehmanns fiktivem Leben erzeugen, hat man nicht selten den Eindruck einem Märchenhaften Film beizuwohnen. Etwas in die Art wie "Von einem der Auszog, sich selber zu finden und dabei irgendwie auch letztlich erfolgreich ist, aber das ganze so wohl nicht gewollt hat". Haußmann erzählt die Geschichte mit lakonischem Humor und treffenden Dialogen, geschrieben wurde das Drehbuch ebenfalls vom Autor der Romanvorlage Sven Regener, und das merkt man auch.
Einen nicht unbedeutenden Teil zum gelingen des Projekts trägt die Besetzung bei. So dürfte es zunächst für jeden der das Buch kennt und liebt, ein Schock gewesen sein, als bekannt wurde das ausgerechnet Christian Ulmen, seines Zeichens Spaßbremse bei MTV, die Titelrolle spielen würde. Doch im Nachhinein muss man Haußmann zu dieser Entscheidung absolut gratulieren, denn eben dadurch das Ulmen keine richtige Schauspielausbildung hat, gelingt es ihm Herr Lehmann so menschlich und realistisch wie möglich darzustellen. Man leidet mit ihm, man lacht mit ihm, man weint mit ihm, man liebt mit ihm und irgendwie trinkt man auch mit ihm. Die Besetzung von Herrn Lehmanns bestem Freund Karl mit Detlev Buck mag zunächst ähnlich irritierend wirken, aber Buck schafft es nicht nur körperlich der Romanfigur leben und die nötige Größe zu geben, sondern auch den latenten Wahnsinn und die immer tiefergehende Zerbrochenheit in Karl darzustellen. Dazu kommt eine wundervolle und wunderschöne Katja Danowski als Köchin Katrin, die Herrn Lehmann den gravierenden Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein lehrt und letztlich Ausschlaggebend für alles ist was sich ereignet. Dazu ein gut besetzter Supportcast, in dem man unter anderem Carsten Speck als "Lederuschi" bewundern darf, hat man auch nicht alle Tage.
Natürlich steht bei einem Film, der auf dem Buch eines begnadeten Musikers und Komponisten basiert, die Musik auf einem besonderen Prüfstein, denn man darf getrost davon ausgehen das es hier nicht zu Kommerziellen Anbiederungen auf dem Soundtrack kommt. Und so ist es dann auch, der Soundtrack ist eine perfekte Mischung aus Songs der damaligen Zeit und aktuellen Independent Stücken. Darunter von solchen Größen wie Eels, Nick Cave, Fad Gadget, Calexico, Laibach, die Violent Femmes, Ween, Cake und natürlich Element of Crime. Der Soundtrack passt einfach perfekt.
"Herr Lehmann" ist weit weg von Mainstreamkino, es ist ein kleiner Film, der von seinen Charakteren lebt, der von einem großartigen Drehbuch lebt, der von wundervollen Dialogen lebt und natürlich von seinen Darstellern. Er wird nicht jedem gefallen, ja viele werden ihn als belanglos, als spannungsarm und schlicht und ergreifend langweilig abtun, das er das bei weitem nicht ist, muss sich sicher auch nicht jedem erschließen, aber jedem dem es sich erschließt, wird klar werden, das ein bisschen von Herrn Lehmann in allen ist. Das ist dann vielleicht auch die tiefere Wahrheit die hinter diesem wundervollen Film steckt, aber selbst wenn sie es nicht ist, who cares? Herr Lehmann würde sich erst mal ein Bier aufmachen und damit hat er wohl nicht unrecht. 9 von 10 Punkten.