Leander Haußmanns zweiter Film (nach „Sonnenallee“) ist wieder mal ein Beitrag, der um den deutschen Film hoffen läßt. Die Romanverfilmung des Debuts des „Element-of-Crime“-Sängers Frank Regner läßt dabei zunächst Zweifel offen, ob sich der „Plot“ überhaupt für eine Verfilmung eignet.
Tatsächlich spult sich hier allerhöchstens eine rudimentäre Liebesgeschichte ab, zwischen Herrn Lehmann und der Köchin Katrin, Kennenlernen, Werbung, Affäre und Auseinandergehen, aber das wirkt mehr wie ein erzählerisches Alibi. Vielmehr ist „Herr Lehmann“ eine kurios-komische Situationsbeschreibung einer Gruppe von Menschen zum Zeitpunkt kurz vor der Wende anno 1989.
Ex-MTV-Moderator Christian Ulmen, dem man das gar nicht zugetraut hätte, wirkt dabei wie die Idealverkörperung des ziellosen Endzwanziger/Anfangdreißiger-Hängers, der seine Tage mit Zapfen in seiner Stammkneipe verbringt, um später dann noch in anderen Gaststätten mit Freunden und Bekannten ein paar Pils abzupumpen und sinnfreie (in betrunkenem Zustand: sinnvolle) Gespräche mit allen Anwesenden zu führen.
Ulmen steckt so tief in dieser Jedermann-Rolle, daß es einen kribbelt, während er sich um seinen Freund Karl sorgt, der sich einem Nervenzusammenbruch nähert, Geld in den Osten schmuggeln will oder seinen naiven Eltern ein geordnetes Leben vorspielen will.
Trotz scheinbar fehlender Stringenz der Handlung wirkt das Banale hier wichtig, noch dazu unterhaltsam und komisch und Leander Haußmann macht eine treffliche Milieuschilderung einer Lost Generation der Neu-Bukowskis daraus, ohne wilden Sex, ohne Agressivität und harten Suff, dafür mit jeder Menge abgedrehter Relaxtheit.
Um das alles auszuschmücken, tendiert Haußmann dazu, den Film mit optischen Jokes zu krönen, wie etwa mittels eines Theatercoups mitten in einer Szene die Bekleidung der Spieler in etwas zur Unterhaltung Passendes auszutauschen (ein Treffen an der Kinobar während einer Star-Wars-Vorstellung läßt die drei Protagonisten plötzlich Jedi-Kostüme tragen).
Der Zuschauer fragt sich dabei ständig, wohin das alles wohl fühlen mag und kommt erst am Ende dahinter, daß das Erleben des gezeigten Zustands, das Nachfühlen-Können, das eigentliche Amusement und Erlebnis des Films ist.
Das nennt sich im modernen Jargon vermutlich „sinnlos und abgefahren“ zugleich, bietet aber dennoch hervorragende schauspielerische Leistungen, vor allem die Trennungsszene in einem echten Berliner Dönerladen stellt jede Oscarleistung an Natürlichkeit locker in den Schatten.
Und wenn man dann solche fast schon tarantinoesk überspitzten Dialoge wie das Gespräch rund um den zu früh bestellten Schweinebraten zum Sonntagsbrunch vorgesetzt bekommt, die einen gniggernd über das Sofa rollen lassen, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Selbst die Maueröffnung am Ende bedeutet nichts wirklich, höchstens unterstreicht sie die Gewißheit Herrn Lehmanns, daß sich jetzt was ändern muß, wenn man auch keine Ahnung hat, was das sein könnte.
Grönemeyer hatte recht, als er schrieb: Bleibt alles anders! (9/10)