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Challengers - Ménage-à-trois im Tie-Break

Luca Guadagnia erforscht in diesem Erotik-Thriller über Verlangen, Kontrolle und Macht das Seelenleben einer toxischen Dreierbeziehung und wählt dafür die Welt des Tennissports. Das ist auch dank audiovisueller und erzählerischer Kniffe so faszinierend wie fesselnd.

Nackte Oberkörper, tropfender Schweiß und lautes, rhythmisches Stöhnen, wer denkt da nicht sofort an einen Sexfilm? In Challengers - Rivalen inszeniert Luca Guadagnino ("Call me by your name") seine beiden Protagonisten mehrfach in der beschriebenen Art, nur dass sie sich als rivalisierende Tennisprofis ein Final-Match im Vorfeld der US-Open liefern. Die Sex-Assoziation ist dennoch nicht falsch, ganz im Gegenteil. "Challengers" ist kein Film über Tennis, jedenfalls nicht direkt. Er ist nicht einmal ein Film über Sport im Allgemeinen, der dient hier lediglich als Ventil, als Metapher, als Chiffre.

Falsche Fährten und falsche Annahmen

Eine Überraschung, ohne Frage. Die Trailer jedenfalls suggerierten ein ironisches Sport-Drama mit erotischem Einschlag und führten damit kräftig in die Irre. Falls dies strategisch motiviert gewesen sein sollte, dann hat man sich mit Ansage verrechnet. Jedenfalls generiert man so am sichersten Zuschauer, die nicht das bekommen was sie wollen und verschreckt solche, die das was sie wollen nicht meinen zu bekommen. Vielleicht war das Vertrauen in die Zugkraft von Zendaya, immerhin die Freundin von Peter Parker (in "Spider-Man") und Paul Athreides (in "Dune") auf der Leinwand, von Tom Holland im realen Leben und zudem die Imaginäre von Millionen von Follower auf diversen Social-Media-Kanälen. Nur wem man täglich 24/7 auf TikTok und Instagram begegnet, den muss man nicht unbedingt auch noch im Lichtspielhaus besuchen. Ein Fehler, schließlich zeigt man sich als Gastgeber gern von seiner Schokoladenseite und Zendaya macht hier keine Ausnahme.

Erotischer Clinch und toxischer Wettstreit

Drei Monate soll die Novizin unter der Anleitung des ehemaligen Tennisprofis Brad Gilbert wie eine Verrückte trainiert haben. Mit durchschlagendem Erfolg. Jedenfalls möchte man nicht auf der anderen Seite stehen, wenn sie als kommender Tennis-Superstar die Filzkugeln über das Netz donnert. Aber Tashi (Zendaya) ist nicht nur schlagkräftig, sondern auch schlagfertig. Den beiden schmachtenden Jungspielern Art (Mike Faist) und Patrick (Josh O´Connnor) knallt sie ihre bösen Oneliner wie unerreichbare Longline-Bälle um die Ohren. Und äquivalent zu Tennis als Rasen-Schach ist sie obendrein noch mit einem ausgeprägtes Geschick für strategische Manipulation ausgestattet. Da will mal einer dagegen halten.

Die besagten Art Donaldson und Patrick Zweig jedenfalls können es nicht. Vom ersten Augenblick an sind sie der Tennis-Sirene hoffnungslos verfallen. Als sie in einer Matchpause die Urgewalt an Sex-Appeal und sportlicher Dynamik über den Platz fegen sehen, gibt es kein Halten mehr. Fortan wetteifern die beiden Freunde wie verknallte Schuljungen um die Gunst der Angebeteten. Die kostet das lechzende Werben genüßlich aus, bezirzt mal den einen, kokettiert mal mit dem anderen und sprengt das bis dato privat wie beruflich harmonierende Doppel mit erotischer Wucht. Diese sexuell aufgeheizte Ménage-à-trois gipfelt schließlich im Hotelzimmer der beiden Jungs, in dem Macht und Ohnmacht, Triumph und Begierde aufeinander prallen und sich entladen. Der darauf folgende Wettstreit um Tashis Telefonnummer, die nur der bekommen soll, der den anderen im Finale der US Junior Open schlägt, markiert das Ende einer Freundschaft und den Beginn einer Abnutzungsschlacht.

Luca Guadagnino serviert uns diese Dreierbeziehung häppchenweise in Rückblenden. Quasi parallel dazu entfaltet sich die ganze Dimension dieser toxischen Beziehung. Art und Tashi sind inzwischen privat (als Eheleute) wie beruflich (sie ist seine Trainerin) ein Paar. Die jugendliche Unbekümmertheit, der emotionale Überschwang sind längst verflogen, übrig bleibt was beide auch schon 16 Jahre zuvor angetrieben hat: Liebe (Art) und Ehrgeiz (Tashi), beide so grenzen- wie bedingungslos. In diese vergiftete Atmosphäre platzt Josh. Während sein alter Freund zum Superstar aufgestiegen ist, fristet er das trostlose Dasein des ewigen Talents. Bis sie sich wieder im Finale eines Challenger-Turniers gegenüber stehen, bei dem erneut Tashi zwischen ihnen steht.

Wechselnde Perspektiven und audiovisuelle Trickkiste

Challengers“ ist kein leicht zu fassender Film. Packendes Liebesdrama, romantische Komödie, bösartige Satire, mitreißende Sport-Action, alles vermengt zu einem audiovisuellen Rausch der Sinne. Zu glasklaren Stakatto-Beats der Ex-Nine Inch Nails Industrial Rocker Trent Reznor und Atticus Ross knallen einem die Tennisbälle wie Pistolenschüsse um die Ohren und scheinen mitunter direkt auf einen zuzufliegen. Dazu gibt es Ansichten aus der Vogelperspektive sowie von unten, bei der die Kombattanten auf einem gläsernen Tenniscourt spielen. Guadagnino und sein thailändischer Kameramann Sayombhu Mukdeeprom greifen tief in die visuelle Trickkiste und lassen ein Feuerwerk an Perspektivenwechseln und inszenatorischen Gimmicks auf den perplexen Zuschauer los. Der leidenschaftliche und chaotische Beziehungsclinch wird so nicht nur gespiegelt, sondern verstärkt bis hin zur physischen Erfahrung. Man könnte auch sagen, die Achterbahnfahrt der Gefühle auf Seiten des destruktiven Trios überträgt sich nahtlos auf das Kinopublikum.

Alle drei Darsteller sind großartig in ihren Rollen und dass man mit diesen im Kern höchst unsympathischen Charakteren mitfiebert, mitleidet und mitlacht, ist allein ihr Verdienst. Art ist ein leicht zu manipulierender Schwächling, der weder echte Freundschaft, noch falsche Liebe erkennt. Josh ist ein geckenhafter Verlierer, der sein Talent aufgrund amouröser Abenteuer und Bequemlichkeit nie ausschöpfen kann. Und Tashi ist eine von Ehrgeiz und Narzissmus angetriebene Urgewalt, die zu spät erkennt, dass Zerstörungslust verbrannte Erde hinterlässt, auch bei ihr selbst. Das vollendete Glück, von Guadagnino kongenial wie ein sexueller Höhepunkt inszeniert, finden sie nur im sportlichen Wettstreit mit dem Tennis-Racket. Der einzige Moment in dem sie mit sich und miteinander im Reinen, in totaler Harmonie sind. Die Schlusseinstellung friert diesen magischen Höhepunkt ein, als könnte sie ihn auf ewig bewahren. Ein so unerwartetes wie perfektes Ende für einen der besten Kinofilme nicht nur diesen Jahres. Spiel, Satz und Sieg.

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