Nicht für mich, Herr Wortmann!
Sicherlich, „Das Wunder von Bern“ hatte mit über drei Millionen Besuchern den gebührenden Erfolg, den die sorgfältig lobende Kritik eingeleitet hatte, dennoch drängt sich mir der Eindruck auf, dass hier eine historische Chance schnöde vertan wurde.
Da haben wir also eine sportliche Erfolgsstory, wie es sie in dieser Form selbst in punkto Underdogs noch nicht gegeben hat. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war anno 1954 ein Nichts, ein Paria, den man glücklicherweise wieder zur FIFA-Tür hineingelassen hatte und auf den niemand auch nur einen Pfifferling wettete. Und dann vollbringt dieser namenlose Haufen im Juni 1954 das Unmögliche, angetrieben durch einen ausgefuchsten Trainer, eine verschworene Spielerclique, taktisches und spielerisches Geschick.
Sie wird Weltmeister.
Und nicht nur das: Trainer Herberger nützt in der aussichtslos scheinenden Vorrunde das seltsame Gruppenprinzip der gesetzten und ungesetzten Teams. Gibt ein Spiel hoch verloren, ermauert sich das Viertelfinale, spielt die viel stärker eingeschätzten Österreicher mit 6:1 in Grund und Boden, um dann am Ende der vier Jahre unbesiegten Mannschaft der Ungarn gegenüber zu stehen, die ein B-Team der Deutschen in der Gruppenphase mit 8:3 Toren abgeklatscht hatten.
Es waren fantastische Wochen und unglaubliche Spiele mit vielen Toren, Tragik und Triumphen.
Was zeigt uns Sönke Wortmann davon?
Nichts!
Nicht eine Szene ist zu sehen, bis endlich die Mannschaften zum Endspiel von Bern einlaufen.
Bis dahin einige Szenen aus dem Trainingslager, während der WM, Pressekonferenz, Spielergespräche, Zweifel, Training, Zuversicht.
Stattdessen bekommt der Zuschauer eine Befindlichkeitsanalyse des deutschen Volkes präsentiert, anhand einer Essener Ruhrpottfamilie, deren Vater nach elfjähriger Gefangenschaft aus Russland wiederkehrt und das neue Leben mit Dad einfach nicht geregelt bekommt. Der von Stürmerlegende Helmut Rahn begeisterte Sohnemann hat ständig Konflikte, der Vater hat ein Trauma und kann sich nicht einleben, die Familie kurz vor der Zerreißprobe.
Wie herzzerreißend originell – aber es interessiert mich nicht die Bohne, wenn ich einen Film namens „Das Wunder von Bern“ sehe, bei dem der eigentliche Turnierverlauf schon Stoff für einen wahren Thriller bieten würde.
Zwar gibt Peter Loymeyer als Vater sein Bestes und ich will seinem Sohn (auch im wahren Leben) nicht ein gewisses natürliches Talent absprechen, aber man ist immer angetan zu schreien, dass die endlich ihre Probleme geregelt bekommen.
Tscha, und nach vielen Querelen, Streitereien, Vorwürfen kommt der Vati nach einem Kirchenbesuch doch tatsächlich auf den Trichter, sich ein Auto zu leihen und mit seinem Sohn nach Bern zu düsen, wo er als Glücksbringer für den guten Rahn herhalten soll.
Und was soll man sagen, sie schaffen es genau in der 84.Minute…und alles wird gut.
Wortmann gelingt zwar eine beachtliche Milieuschilderung des Alltags im Pott kurz VOR dem Wirtschaftswunder, aber letztendlich ist das alles zu hausbacken, um das mirakulöse Ende auch noch irgendwie zu rechtfertigen. Rahn traf nur, weil der Junge (Matthias) da war, gut dass alle 10 anderen Spieler, allen voran Fritz Walter, Turek und Morlock sonst vermutlich verloren hätten.
Daß doch so was wie leichte Spannung herrscht, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Durchschnittszuschauer den Turnierverlauf nicht in- und auswändig kennt und die gut gesetzten Inserts über Herberger, Adi Dasslers Stollenschuhe und das rettende Fritz-Walter-Wetter (nasser, schwerer Boden) ständig Appetit auf mehr machen.
Wenn wir eh schon mit Matthias an einer Legende stricken, dann kann man sich auch eine passable Story ausdenken, die sich nur um den „Geist von Spiez“ (der legendäre Mannschaftsgeist im WM-Quartier) dreht, auch wenn da was hinzuerfunden wurde.
Lob für die Sorgfalt in der Nachstellung der Endspielszenen, die tatsächlich eins zu eins so wirken, wie es damals wohl war, ein bisschen mehr Größe, Spannung und Dramatik hätte man aber trotzdem noch rauskitzeln können.
Die weitere Nebenhandlung rund um einen Sportjournalisten ist zwar ganz niedlich, aber komplett sinnfrei für den Rest des Films, macht nur die 100 Minuten voll. Und dass man über die Endspielszenen nicht den Originalkommentar von Herbert Zimmermann gelegt hat, sondern einen schwachen Imitator engagiert hat, der nicht mal 10 Prozent von Zimmermanns Euphorie, Ausgelassenheit und Irrsinn rüberbringt, ist schon fast ein Verbrechen.
Hier ist der Fall, dass ein Autor und ein Regisseur dem Gewicht ihres Stoffes nicht vertraut haben – ein klarer Fall von deutscher Steifheit und Sperrigkeit, was man von Wortmann eigentlich nicht gewöhnt ist.
Aber er ist auch ein Fachmann für die kleinen Filme, die Chance auf den ganz großen, hat er hier leider größtenteils vertan – auch wenn die Ideen (Spieler und Trainer sind ungemein gut den Originalen nachempfunden) vorhanden waren.
Daraus geworden ist ein besserer Fernsehfilm – der die Idee, einen Jungen unbedingt zum Endspiel reisen lassen zu wollen, auch noch aus einem WM-Film von 1954 geklaut hat, den man vor Jahren im TV bewundern konnte.
Der war richtig gut – der bestand zu 80 Prozent aus Fußballszenen aller möglichen Spiele.
In diesem Sinne: nett – aber leider nicht mehr.
Das Wunder bleibt auf den Titel beschränkt! (6/10)