Review

In Deutschland werden die Fahnen gehißt, der neue Superstar heißt nicht Daniel K., sondern Martin Luther!
"The Godfather of Reformation" ist in aller Munde, denn eine europäische Coproduktion hat ihn allen Geschichtshassern wieder in Erinnerung gerufen. Das 16.Jahrhundert endlich auf Film gebannt, mit Starbesetzung und allem was dazu gehört!

Wer allerdings mal fünf Minuten mit einem Geschichtsbuch oder seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit verbracht hat, wird nach dem Besuch des Werkes "Luther", produziert natürlich von der lutheranischen Gesellschaft, aber hallo, mit der Zornesader auf der Stirn in die nächste Kirche stampfen. Oder konvertieren!

Was uns hier als 20-Mio-Edelproduktion verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als biedere Handwerkskunst, die in Form eines vierstündigen TV-Zweiteilers besser aufgehoben gewesen wäre. Können wir den Amis immer noch keine Konkurrenz machen? Doch, können wir, zumindest in punkto Geschichtsverbiegung a la "Pearl Harbor".

Werfen wir mal einen Blick, Vorhang auf.
Wer stolpert so spät durch Nacht und Gewitter - es ist, vor Angst zitternd, der Martin Luther!
Den hat um ein Haar der Blitz beim Scheißen getroffen, weswegen er auch gleich Mönch wird, wenn er auch, seines Erlebnisses wegen, mit einem wohl zornigen Gott hadert.
Das verzeihen ihm aber alle Gläubigen, denn Martin looks good! Joseph Fiennes stellt den Zweifler an der katholischen Kirche hier dar und am Anfang mag seine Erscheinung noch passen. Es ist 1507, Luther ist 24. Was nicht paßt, ist, daß er 1530, bei Filmende mit 47 Jahren, immer noch fast unverändert aussieht, obwohl Luther doch dort längst ein dem Futtern zugeneigter Moppel mit ordentlich Dampf in der Bluse geworden ist.
Stattdessen lernen wir Luther als einen Haderer mit dem Herrn kennen, der irgendwo zwischen Gollum und James-Dean-Attitude Zwiegespräche mit dem Teufel in seiner Kammer ausficht und dann für die gute Sache eintritt und die heißt bestimmt nicht Ablaßhandel.

Und darum dreht es sich dann hauptsächlich in diesem Schinken, nämlich um das David-gegen-Goliath-Motiv, bei dem Luther für den reinen Gottesglauben kämpft und die Katholen den Gläubigen bevormundend das Geld für den neuen Peterdom aus der Tasche ziehen wollen.
Das sieht ruppig aus und so kämpft man mit harten Bandagen: Warnungen, Erlasse, Drohungen, Aufruf zum Wiederruf. Luther lehrt, Luther predigt, Luther wird vorsichtshalber auf die Wartburg entführt, wo er mal schnell das neue Testament übersetzt, nachdem in einem Insert seine Thesen an die Kirche genagelt hat.

Pflichtbewußt hangelt sich der Film von einem historisch verbürgten Konflikt zum nächsten, um so etwas wie einen halbwegs spannenden roten Faden hinzukriegen und bricht links und rechts den historischen Kontext weg.
Thomas Müntzer? Wird nicht mal erwähnt. Die Bauernkriegen 1524/25? Ein paar Tote am Wegesrand und ein gramvoller Blick Martins müssen reichen.
Stattdessen präsentiert jedes mitproduzierende Land ein paar Schauspielerexporte als Verkaufsargument. Alfred Molina gibt einen brauchbaren Tetzel und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen. Matthieu Carrere schaut mal rein, Bruno Ganz nuschelt sich durch Luthers geistigen Vater und Uwe Ochsenknecht (die Fehlbesetzung des Jahres!) zieht uns als Papst Leo endgültig die Schuhe aus.
Und dazwischen amüsiert sich Peter Ustinov als Friedrich der Weise und Luthers Gönner prächtig, spult seine alte Nummer charmant ab, indem er einfach sich selbst spielt - nicht mal das kriegen die anderen hin. Flugs begegenen sich Ustinov und Fiennes auch noch, was so nie stattfand und Luther drückt seinem Gönner die übersetzte Schwarte in die Hand. Was ein Effekt!

Am Ende stellen sich die Landesbischöfe gegen die päpstliche Anordnung und die Reformation ist durch, so will es uns der Film unterjubeln, verschweigt aber gleich den schmalkaldischen Krieg 1532/33 und den nächsten Konflikt kurz nach Luthers Tod, vom 30jährigen Krieg (1618-48) mal ganz zu schweigen. Hauptsache, Luther hat noch 16 Jahre gewirkt, war glücklich verheiratet und hatte sechs Kinder. Immerhin durfte er noch sagen: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott ist mein Zeuge!", obwohl auch das nicht historisch verbürgt ist.

Das ist Geschichte als Fünf-Minuten-Terrine: nett aufgemacht und jeder zweite Uninformierte oder Gläubige geht dem Schmonz auch garantiert auf den Leim, weil das endlich für eine spannende Historienlektion hält.
Visuell geht da auch was. Die Sets und Kostüme sind beachtlich, die herrschaftlichen und völkischen Strukturen stimmig und die groben Ereignisse stimmen auch. Wer Geduld mitbringt, wird sich sogar unterhalten fühlen.
Man darf nur nicht der Idee verfallen, hier würde die einzig wahre Geschichte Luthers auf die Leinwand gebracht.

Es gibt sicherlich gröbere Geschichtsfälschungen, aber eine derartig mediokre Simplifizierung wird weder der historischen Figur noch dem Publikum gerecht, daß ab einem Alter von etwa 14 Jahren den Anspruch haben sollte, mal etwas Zeit für historische Recherche zu opfern, um zu überprüfen, was im 16.Jahrhundert wirklich so los war im heiligen römischen Reich deutscher Nation.
Wer wird als Nächstes geopfert? Goethe? Beethoven? Schiller? Karl der Große? Da geht noch was - aber bitte nicht so und nicht im Kino. (4/10)

Details
Ähnliche Filme