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Er ist ein bißchen auf den Hund gekommen, so wie es aussieht: in einem gammeligen Wohnwagen hausend, verbringt der dienstfrei gestellte Kommissar Mike Atlas (Max Riemelt) derzeit seine Tage, seit bei einem Einsatz einige Monate zuvor etwas schief gelaufen ist. Was da schiefgelaufen ist, weiß er allerdings selbst nicht mehr, ein klassischer Filmriß eben, der jedoch erhebliche Konsequenzen nach sich zog: im Zuge der Ermittlungen gegen arabische Familienclans in Berlin brachte Atlas ein Clanmitglied hinter Gitter, das freilich stets seine Unschuld beteuert hatte. Dessen Alibi bestand aus einem anderen Clanmitglied, das sich jedoch rechtzeitig abgesetzt hatte. Letzterer kehrte nun überraschend zurück, um den Inhaftierten zu entlasten, was dieser auch freudig zur Kenntnis nahm, doch kurz darauf fand man ihn tot in seiner Zelle: Selbstmord.
Weder die Staatsanwaltschaft noch die Ermittler können sich darauf einen Reim bilden, doch für die Familie des Toten ist Atlas der Schuldige, und so wird dieser eines Abends verdroschen und sein Wohnwagen abgefackelt. Der bärtige Kommissar nimmt das alles relativ ruhig, ja fast schon gleichgültig hin, gilt sein Hauptaugenmerk doch der Wiedererlangung seiner  Erinnerung, denn sein Instinkt sagt ihm, daß er an jenem Abend, zugedröhnt mit Pillen, einen Fehler begangen haben muß. Einen Fehler, der kausal mit dem Selbstmord im Gefängnis und dem Tod eines Richters zu tun haben muß.
Atlas, der in einen verlassenen Container zieht, sich zuhause bei Frau Lenni (Peri Baumeister) und Tochter Tinka kaum mehr sehen läßt und auch zu seinen Kollegen, darunter seinem besten Freund Luka (Carlo Ljubek) keinen Kontakt mehr pflegt, ermittelt nun nach der Feld-Wald-Wiesen-Methode auf eigene Faust.
Derweil will Staatsanwältin Corinna Steck (Melika Foroutan) die Akten zu den Fällen möglichst schnell schließen, doch ihre neue Assessorin Jule Andergast (Luise von Finckh) und der vom LKA zugeteilte Ermittler Tom Schlefski (Helgi Schmid) entdecken tatsächlich einige Ungereimtheiten, die auch Atlas aufgefallen sind...

Schlafende Hunde, der sich von der Ausgangslage her wie ein "Tatort" anhört, ist dann in Wirklichkeit auch ein sehr stark an das TV-Format angelehnter Krimi, den Tatort-Autor (sic!) Christoph Darnstädt, der für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, in bekannter Manier angelegt hat. Sein dezenter und ruhiger Hauptdarsteller sucht die Schuld hauptsächlich bei sich selbst, was sich im Endeffekt auch als richtig herausstellt, doch bis sich die einzelnen Stränge miteinander verknüpfen lassen, dauert es mit insgesamt fünfeinhalb Stunden doch etwas zu lang.

In 6 Folgen zu je etwa 50 Minuten erfährt der Zuseher stets ein kleines Stückchen mehr über die schicksalhaften Zusammenhänge, die zunächst zwei, später dann aber noch mehr Leute das Leben kosten. Dabei weist die Regie mehrfach auf den harten Alltag der (Kriminal-)Beamten hin, die den Streß oftmals nur mit Aufputschmitteln überstehen. Doch die grünen Pillen halten nicht nur wach, sondern verursachen auch Fehlreaktionen. Fehlreaktionen, die man nachträglich nicht mehr korrigieren kann. Korrigieren müssen hätte man allerdings Schwachfug wie jenen, in denen die Assessorin, gerade Zeugin eines Mordes geworden, fragt, ob sie da nicht zur Polizei gehen soll und der LKA-Mann antwortet: Nee, lass mal. wtf?

Zwischen all den involvierten Parteien wuselt der für einen Obdachlosen doch erstaunlich sauber und konzentriert wirkende Atlas hin und her, der sich seiner Frau entfremdet hat und seine Tochter nur selten anruft. Die wird allerdings ebenfalls ins Geschehen mit hineingezogen, als sich ein schmieriger Privatdetektiv an sie heranmacht. Der allerdings lebt nicht mehr lange, denn als er seine gesammelten Erkenntnise der Staatsanwaltschaft mitteilen will, wird er per gezieltem Kopfschuß zum Schweigen gebracht. Ein Kopfschuß, der einem bestimmten Muster folgt und auf eine geheimnisvolle, im Hintergrund agierende graue Eminenz hinweist, die alle Zeugen beseitigen will - dies zumindest suggeriert der Handlungsverlauf, der einem israelischen Filmvorbild folgt.

Dabei macht Schlafende Hunde filmdramaturgisch vieles richtig, lenkt die Verdachtsmomente mal dahin, mal dorthin und präsentiert ein paar gegensätzliche, aber nicht uninteressante Mitspieler: die junge Assessorin, die ein Verhältnis mit einem Richter hat, später dann mit dem LKA-Mann ins Bett steigt, Atlas enttäuschte Ehefrau, die sich zu dessen bestem Freund hingezogen fühlt, eine nette Punkerin, die mit Atlas zusammenwohnt, eine Staatsanwältin, die mit einem Ermittler in die Kiste steigt, eine junge afrikanischstämmige Polizistin, die ein Waisenkind adoptieren möchte, oder eben auch ein schwules Pärchen in einem arabischen Familienclan. Letzteres ist allerdings wenig realistisch und eher dem sattsam bekannten Zeitgeist zuzuordnen, der sich am Ende übrigens zu der These versteigt, daß deutsche Staatsanwälte und Ermittler zu hart und mit unlauteren Mitteln gegen die arabischen Großfamilien vorgehen, die im Film übrigens relativ harmlos dargestellt werden. Ach ja...

Nichtsdestotrotz fokussiert sich die Netflix-Serie am Ende dann auf eine persönliche Abrechnung, in der erwartungsgemäß Hauptdarsteller Kommissar Atlas eine Art Rehabilitierung gelingt - wie mans eben von den allermeisten Tatorten bereits gewohnt ist. Bei etwas langsamem Erzähltempo durchschnittlich unterhaltsam und insgesamt trotz der nur 6 Teile etwas zu lang geraten hätte man Schlafende Hunde ruhig auf die Hälfte kürzen können - aber dann wäre wohl gar kein Unterschied zu einer Tatort-Doppelfolge mehr vorhanden gewesen. 5,51 Punkte.

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