Du könntest natürlich Greta Gerwig auf den Regiestuhl setzen, um eine Saoirse Ronan als „Lady Bird“ gegen die Einöde Sacramentos ankämpfen zu lassen. Vielleicht bist du aber auch eher der Typ fürs Grobe und wendest dich gleich an die Full-Moon-Studios. Da bekommst du dann Angela Featherstone als „Lady Demon“, die ihre Heimat mit dem gleichen rebellischen Sairse-Ronan-Gesichtsausdruck hinterfragt. In ihrem Fall ist die Heimat eben nicht Sacramento, sondern die wortwörtliche, garantiert nicht metaphorisch verpackte Hölle. Niveau und Setting könnten unterschiedlicher nicht sein, aber am Ende hast du es garantiert mit derselben Sorte aufmüpfiger Heranwachsender in der Selbstfindungsphase zu tun, daher also auch mit allen Wünschen und Sehnsüchten einer solchen.
Und weil wir uns eben nicht in Greta Gerwigs Indie-Welten der leisen Töne befinden, liefert „Dark Angel“ zum Aufwärmen erst einmal in rotes Feuer getauchte Höhlen mit Unholden und gequälten Seelen, deren Schmerzensschreie die Tonspur einnehmen. Die Hauptdarstellerin, geschmückt mit niedlichen Accessoires wie kleinen Hörnchen auf der Stirn und zarten Drachenbabyflügeln auf den Schultern, stapft derweil gemeinsam mit einer Freundin so selbstverständlich durch die unwirtliche Unterweltkulisse, als befänden wir uns in einer High-School-Komödie und begleiteten die Hauptfigur auf eine Halloween-Party. Aufgrund des Sets, der Kostüme und der biederen Regie stellen sich umgehend diese unverwechselbaren Vibes einer billigen Fantasy-Serie der 90er ein, und wären „Hercules“ und „Xena“ nicht erst ein Jahr später an den Start gegangen, hätte man sie sicherlich als eine der Hauptinspirationen für diesen Auftakt festgemacht.
Während man sich noch im Rotlicht der Fackelträger sonnt, das wohlig wärmend auf die Fernsehcouch strahlt, und man sich dabei an den hübsch drapierten Totenschädeln erfreut, die ein armer Assistent vermutlich in der Mittagspause mühsam in Handarbeit als Zierrat für das Produktionsdesign präparieren und dann im Hintergrund auslegen musste, wird praktisch bereits das gesamte Arsenal an Phantastik, das im Budget enthalten war, in den ersten Minuten verfeuert. Eine an besonders schräge Sitcoms der Marke „Die Dinos“ oder „Die Munsters“ erinnernde Sequenz um ein familiäres Abendessen mit Körperteil-Suppe erlaubt es Nicholas Worth noch einmal kurz, mit massiven Gesichtsverrenkungen als tollwütiges Stammesoberhaupt zu chargieren, da packt das Töchterlein auch schon seine Siebensachen und macht aus dem aufregenden Fantasy-Abenteuer, das auf dem Cover versprochen wird, eine an Schauwerten eher arme US-Kleinstadtromanze (gedreht in Rumänien, was auch schön an den „u“-Endungen der Namen im Cast abzulesen ist) mit den Verstrickungen einer typischen Geschichte über Besucher von außerhalb und ihre Integration in die Gesellschaft.
Für den Übergang zwischen den Dimensionen hat man sich noch einmal ordentlich bei den Terminator-Filmen bedient, die gerade erst die Kassen gerockt hatten. Angela Featherstone absolviert einen Nude Walk durch eine gut mit Passanten gefüllte Einkaufsstraße, bevor ihr Begleiter, ein hundsgemeines Höllenbiest (gespielt von einem putzigen Schäferhund), Kleidung für sie auftreibt. Sooo viel Aufregung… Zeit also für einen Blackout. Ohnmacht, Fade to Black, und… Aktwechsel.
Als nächstes findet sich die Besucherin aus der Unterwelt in einem Krankenhaus wieder, und da hat auch schon er seinen großen Auftritt: Dr. Max Barris (Danie Markel), der Arzt, dem die Dämoninnen vertrauen. Und das zu Recht, entpuppt er sich im weiteren Verlauf doch als zuvorkommend, höflich, respektvoll, moralisch und, tja, ein bisschen langweilig, während sie ihn durch ihre forsche Art nicht nur einmal gehörig in die Bredouille bringt. Der Streifen liefert daraufhin eine Abfolge peinlicher oder brenzliger Situationen, wie etwa ein Date in einem Pornokino, umgesetzt mit dem typisch naiven Charme so vieler Full-Moon-Produktionen davor und danach. Hin und wieder kommt es infolgedessen zu recht vergnüglichen Momenten und absurden Begebenheiten, die so trocken vorgetragen werden, dass es einem regelrecht den Mund zusammenzieht (man denke nur daran, mit welch nonchalanter Selbstverständlichkeit der beschattende Ermittler aus Versehen in eine Baustellengrube fällt und sich quasi in einer Bewegung mit „Oopsie“ auf den Lippen wieder daraus befreit).
Insgesamt liefert „Dark Angel“ aber zu wenige und vor allem zu wenig komische Momente dieser Art verglichen mit anderen Full-Moon-Produktionen. Vielleicht liegt das in Teilen auch an den beiden Hauptdarstellern, denn Featherstone agiert über weite Strecken steif wie ein Brett und Markel in Liebesdingen so defensiv wie ein Nerd, der zum ersten Mal eine Frau sieht, was der Chemie selbstverständlich nicht allzu dienlich ist. Ein Stück weit liegt die Verantwortung dafür aber auch direkt bei der Regie, die es zu sehr darauf anlegt, nachdenkliche bis melodramatische Momente mit sozialkritischem Kontext zu erzwingen, ohne die entsprechenden Mittel zur Hand zu haben. Nahezu sämtliche Schauplätze sind darauf ausgelegt, die moralische Verkommenheit der Erdbevölkerung zu unterstreichen, um den Eindruck zu erwecken, die Protagonistin sei vom Regen in die Traufe gefallen. Grund genug, mal kräftig in dem Nest aufzuräumen. In Zwischensequenzen werden also immer wieder Vergewaltiger und Kriminelle mit einer Kaltblütigkeit ihrer Lebenslichter beraubt, dass selbst deren Opfer Mitleid mit ihnen bekommen. Für teure Verwandlungs- und Splattereffekte reichte die Kasse aber wohl nicht, so dass extralange angeklebte Fingernägel und rot glimmende Reflexionen in den Pupillen dazu herhalten müssen, die dunkle Seite zu symbolisieren, während sich der Höllenhund regelmäßig über ein paar frische Innereien aus der örtlichen Metzgerei freut – gut möglich, dass die Darsteller am Set ein weniger gutes Catering genießen durften.
Für den Hund freut’s einen, aber was die Schauwerte angeht, wird es in der Umsetzung schon ein wenig mager. „Dark Angel“ gehört eben zu jener Sparte Film, die mehr Vorstellungskraft haben als Umsetzungspotenzial. Der kompromissbereite Zuschauer (und wer einen Film dieses Studios schaut, liebt nichts mehr auf der Welt als einen guten Kompromiss!) bekommt nach der durchaus kreativen Einleitung (diese Silent-Hill-Kreaturen… diese David-Cronenberg-Schreibmaschine!) quasi nichts für seinen Vertrauensvorschuss…. außer vielleicht dieser seltsamen, unerklärlichen Sogkraft, die trotzdem entgegen aller Wahrscheinlichkeit während der Sichtung entsteht. Warum das so ist, bleibt ein mindestens ebenso großes Rätsel wie „Rosebud“. Vielleicht ist es die Unverfrorenheit, mit der sich diese Kuriosität zur Schwarzwaldklinik der Fantasy-Abenteuer erklärt und damit auch noch durchkommt. Das Prädikat „Gut“ hat aber sogar auf der Full-Moon-Skala eine andere Bedeutung.