Filmbiografien sind derzeit in Mode. Die Geschichten sind praktisch vorgegeben, müssen höchstens noch auf Unterhaltung getrimmt werden, und – noch besser: Das Risiko des Flops ist minimiert. Fans und Kenner sind schon mal als Zuschauer gebucht, und wenn nicht im Kino, dann im Verkauf und/oder Stream. Die abzusehende Filmpreis-Nominierung ist da auch nur noch der Anstandskaffee bei Opa Oscar. Selten genug also, dass manch verfilmtes Leben da auch künstlerisch noch überraschen kann.
Dabei wirkt Munch erst mal wie die Abschlussarbeit einer vierköpfigen Truppe von Filmstudenten. Vier Abschnitte des Künstlerlebens nämlich sind es, die gezeichnet, dargestellt und schließlich auch verknüpft werden. Neben der riskanten Methodik, seinen Titelhelden in jeder Epoche von einem anderen Mimen verkörpern zu lassen, setzt Regisseur Dahlsbakken dabei auch auf Optik. Während die jugendliche Phase in den schönsten Farben erstrahlt, weicht die schwierige Studenten-Episode in Berlin einer grauen Alltäglichkeit, ehe die Farbe im dritten Einzelstück – der Nervenheilanstalt – ganz verschwindet. Depression und Enge werden hier dann noch durch das 4:3-Format verstärkt, ausgefeilte Winkel machen Noir-Stimmung.
Die vierte Komposition – gleichzeitig auch grober Rahmen des Films – zeigt Munch dann im Winter seines Lebens, kauzig und grantig vielleicht, dafür auch aufgeräumter, zumindest im Kopf. Dass Munch hier von einer Frau (Anne Krigsvoll) dargestellt wird, fällt höchstens an der Stimme, manchen vielleicht auch gar nicht auf. Es ist wohl der filigranen Verbindung aller Einzelteile zu verdanken, dass der Darstellerwechsel praktisch nicht ins Gewicht fällt, die Person Munch durch seine Gefühle verkörpert wird, der Stimmung der Bilder. Wie sich auch das Lebenswerk eines Künstlers im Laufe der Zeit wandelt, so springt Munch – der Film – von einem Bild zum nächsten, verschwimmt dann bald, dringt zum Maler durch, verfällt fast dessen Wahn.
Das ist kein Wohlfühlkino, kein sauber abgefilmter Lebenslauf, auch kein Skandal- und Schmunzelfilm. Wer sich über Edvard Munch schlau machen will, der sollte eher zur Lektüre oder zur Arte-App greifen, vor allem keine falschen Ansprüche stellen: Munch ist keine Dokumentation. Gerade die Berlin-Episode des Künstlers mag da überrumpeln. Hier wählt der Regisseur nämlich das gegenwärtige Bild der Hauptstadt, mit seinen Techno-Clubs und Bierkästen, modernen Galerien – und vertauscht dazu noch die Geschlechter historischer Figuren. So erfrischend dieser mutige Abschnitt auch ist: dass Munchs Bilder hier, wie überliefert, wegen ihrer vermeintlichen »Unfertigkeit« doch nicht ausgestellt werden sollen, erscheint beim modernen Kunstverständnis eher unwahrscheinlich.
Zum Schluss sei gesagt, dass der Autor dieser Zeilen mit keinerlei Vorwissen zur Person Munch in den Film gegangen ist – ein, zwei seiner Bilder im Hinterkopf hatte, mehr nicht. Als solch unbelastetes Subjekt ist man auch nach fast zwei Stunden nur rudimentär klüger geworden, kann jetzt vielleicht mit ein paar Eckdaten angeben, mehr nicht. Aber wollte und sollte das ein Film überhaupt, der erst im Abspann ein paar Gemälde seines Malers zeigt? Was hier präsentiert wird, ist das pure Leben, das Lieben, das Leiden – wie wir es alle kennen, vom Aufbruch zur Enttäuschung und wieder zurück. Ein ehrlicher Film über das Verstehen der Seele, optisch und inhaltlich – wenn man sich darauf einlassen kann.
7,5/10