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Fast jeder kennt die Geschichte von Peter Pan, Captain Hook und ihren Abenteuern im Nimmerland, doch nur wenige wissen wie diese entstanden ist und wer dahinter steckt. Um ehrlich zu sein, völlige Aufklärung über den kreativen Prozess zur Entstehung von Autor James Mathew Barries bekanntestem Werk, gibt auch Marc Fosters (Monsters Ball) neuster Film Finding Neverland (oder deutsch, etwas sperrig: Wenn Träume fliegen lernen) nicht.

Barrie (Jonny Depp) ist eigentlich ein Star in der Theaterszene, doch gerade haben Kritiker und Publikum sein neuestes Stück abgestraft. Gut das wenigstens sein Freund, der Theaterdirektor Charles Frohman (Dustin Hoffman) zu ihm hält und ein weiteres Stück in Auftrag gibt. Am besten schreibt es sich im Park, zudem, entkommt man so direkt der unterkühlten Gattin und trifft neue Leute. Barrie begegnet dort die ärmliche Witwe Sylvia Davis (Kate Winslet) und deren vier Sprösslingen. Da diese Familie wesentlich mehr angetan als die eigene Frau vom Fantasiereich Nimmerland ist, welches in Barries Kopf herumgeistert, freundet er sich schnell mit ihr an und verbringt fast seine gesamte Zeit mit seinen neuen Musen, was die Arbeit am Theaterstück rasch voranschreiten lässt.

Regisseur Foster hat sich nicht nur seinen Star bei Tim Burton quasi geliehen, sondern sich auch stilistisch und methodisch einiges bei ihm abgeschaut. Um eine Biographie handelt es sich bei dem Film kaum, dafür ist der betrachtete Zeitabschnitt zu kurz und trotz einiger erzählter Erlebnisse aus dessen Kindheit erfährt man wenig über Barries Leben jenseits von Peter Pan. Wie bei einem Burton Film driftet das Geschehen gelegentlich ins Märchenhafte ab und zeigt die Welt, welche ausschließlich in den Gedanken der Figuren existiert. Die Grenzlinie zwischen Realität und Fantasie ist fließend, wie die Lebenseinstellung der Hauptfigur. Der Film weiß, wie er die Meinungen und Sympathien der Zuschauer für seine Zwecke lenken kann. So sind die Sets in den Szenen, in denen Barrie mit den Kindern uns Sylvia zusammen ist, bunt, lebendig und voller Wärme. Sobald er allerdings zu seiner Frau (Radha Mitchell) ins eigene Haus heimkehrt, herrscht schlagartig Stimmung wie auf einer Beerdigung, die Wände sind schwarz, die Musik verdrückt sich komplett aus dem Film und die Atmosphäre nimmt fast schon lebensfeindliche Ausmaße an. Diese Stilmittel sind prinzipiell alle recht simpel funktionieren aber durch die perfekte Umsetzung anstandslos. Sie passen auch gut ins Gesamtbild, denn Finding Neverland zeichnet sich eher durch Simplizität als durch ungeheure Innovationen aus. Die Zwischenmenschlichen Konflikte innerhalb der elitären Gesellschaft werden eingeführt und verlaufen dann ganz genauso wie man es als Zuschauer erwartet, auch ist der Erfolg von Peter Pan nun mal ein Fakt, was die Frage ob das ungewöhnliche Stück ein Fehlschlag wird nicht unbedingt spannender macht.

Die Grenze zwischen Melodramatik und Kitsch mag jeder individuell definieren und der Film wandelt hier vor allem am Ende auf einem gefährlich schmalen Grat. Es ist vor allem den Darstellern zu verdanken, dass er nicht in Rührseligkeit verfällt. Jonny Depp liefert eine der besten Leistungen seiner Karriere ab, vielleicht weil er sich in dem Mann, der die gesellschaftlichen Normen seiner Umwelt nicht akzeptieren kann und aus der Auflehnung gegen diese seine kreative Kraft schöpft ein wenig selbst verkörpert. Aber auch die anderen Darsteller lassen ihm nicht im Stich, Hoffmann ist routiniert wie immer, Kate Winslet bestätigt ihre Klasse, die sie zuletzt in Vergiss mein nicht zeigte und die Kinderdarsteller sind absolut überzeugend, sie agieren wie Vollprofis. Jeder handwerkliche Aspekt an diesem Film ist überragend umgesetzt, die Beteiligten schaffen es eine simple und voraussehbare Geschichte mit recht durchschaubarer Dramaturgie in ein mitreisendes Filmerlebnis für groß und klein zu zaubern.

Fazit: Finding Neverland ist ein nahezu perfekter Film, eine märchenhaftes Studie eines ungewöhnlichen Mannes. Visuell eine Pracht, vermittelt von ausnahmslos großartigen Schauspielern überzeugt Mark Fosters Werk vor allem durch den höchst gelungenen Balanceakt zwischen Drama, Komödie und Fantasy. Mit diesem Film kann man unabhängig vom eigenen Geschmack eigentlich nichts falsch machen. Nicht sonderlich innovativ, aber für, oder gerade wegen seiner Einfachheit, einfach Klasse.

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