Wenn es vorbei ist, ist es vorbei!
Liebe, Zuneigung und Sympathie haben sich in Luft aufgelöst, zurück bleiben Frust, Ärger, Wut und Tränen. Eine Beziehung ist zuende.
Wäre es da nicht schön, all die unangenehmen Erinnerungen einfach zu löschen, um nicht leiden zu müssen, um diesen Balast nicht weiter mit sich herum zu tragen.
Würde es nicht vieles einfacher machen?
Denkste!
Charlie Kaufman hat sich so seine Gedanken zu diesem Thema gemacht; der Mann, der, wenn er denn Drehbücher schreibt, meistens in den verqueren Windungen seines eigenen Gehirns mit sich selbst Fangen spielt.
Herausgekommen ist dabei ein Film, der eine Art Schnittstelle zwischen Nachdenklichkeit und Unterhaltung, zwischen individuellen und persönlichem Ansprechen der Zuschauer und visuell beeindruckender Beinahe-SF-Romanze sein könnte.
Kaufmans Drehbücher gelten unter Filmfans als heilige Wundertüten: erst „Being John Malkovich“, dann der nicht weniger überraschende „Adaption“. Doch in diesem Fall wurden die mentalen Bocksprünge und Ideen Kaufmans erstmalig in eine nachvollziehbare Form gegossen und bekamen den realistischen Anstrich, der nötig ist, sein Publikum nicht nur zu überraschen bzw. zu überfahren, sondern bei der Hand zu nehmen und auch emotional zu stimulieren.
Seien wir ehrlich: niemand von uns hatte vorher etwas Vergleichbares wie „Being John Malkovich“ gesehen und auch wenn wir die völlige Losgelöstheit aller erzählerischer Konventionen bewundern, brüskierte das Ergebnis mehr, als daß mehr als eine Handvoll Eingeweihter etwas davon mit nach Hause nehmen konnte. „BJM“ war ein Head Fuck, „Eternal...“ ist ein Mindtrip, ein wesentlich softerer, immer noch überraschend, aber konventioneller; romantischer aber nicht kitschiger; vom Plot her nachvollziehbarer, aber immer noch höchste Aufmerksamkeit erfordernd.
Um so schlimmer, daß dieser Bewußtseinstrip von den großen Kinos weitestgehend gescheut wurde wie das Weihwasser vom Teufel. Immerhin präsentiert man mit Kate Winslet und Jim Carrey zwei namhafte Stars, doch die gehen in den absolut lebensnahen Rollen zwei nicht vollends angepaßter Menschen so perfekt auf, daß niemand auch nur für eine Sekunde auf die Idee kommt, man würde Carreys sonstige Kaspereien vermissen.
Zwar gibt es ein paar humorvolle Einlagen (etwa der Fluchtversuch in Kindheitstraumata), aber die Story nimmt keine startypischen Auszeiten, alles fließt.
Wobei die Auslöschungen an sich, visuell eindrucksvoll geraten sind, wenn die Schauplätze wechseln, Dinge verschwinden, Szenen herausgeschrieben werden, Gesichter konturenlose Masken werden, eine ganze Szenerie entwertet wird, indem sämtliche Bücher eines Buchladens nur noch weiße, unbedruckte Faksimiles sind.
Dreh- und Angelpunkt der Story und gleichzeitig „MacGuffin“ ist die Apparatur, die es einem Labor ermöglicht, Erinnerungen an eine bestimmte Person aus dem Gehirn ihrer Kunden auf Wunsch löschen zu lassen. Clementine hat das getan, Joel ist in ihr ausgelöscht. Als er zufällig davon erfährt, besiegt die Wut den Schmerz und er wendet dasselbe Verfahren für sich an. Doch mitten im Prozess widerfährt ihm eine verschüttete Erkenntnis...
...nicht alle Erinnerungen an Clementine sind schlecht und da der Prozess rückwärts läuft, werden die Löschungen, durch die Joel wandert, immer glücklicher und das Ausradieren immer schmerzhafter.
Der Film zäumt das Problem von hinten auf und zwar so renitent, daß der Epilog praktisch den Prolog bildet, ehe nach 20 Minuten tatsächlich doch noch Vortitel einsetzen. Der Film kippt nach einigen Informationen über die aufkeimende Sympathie zweier Menschen in den totalen Trennungsschmerz und der Zuschauer wird mitgenommen auf einen Trip, wie ihn jeder durchleben könnte, der schon einmal eine Trennung mitgemacht hat.
Die deutliche Frage, die aufgeworfen wird, ist eben, wie wichtig es ist, mit seinem Schmerz zu leben, ihn zu akzeptieren und nicht das Negative das Positive begraben zu lassen.
In einer Parallelhandlung erleben wir die Geschehnisse außerhalb von Joels Kopf, als sich das Team bemüht, den mental Flüchtigen während des Prozesses einzunorden. Dabei entpuppen sich die Charaktere nicht als auslöschende Monstren, sondern selbst als empfindsame und brüchige Figuren, die mit den selben Problemen zu kämpfen haben und bisweilen zu den gleichen Methoden greifen oder griffen wie ihre jetzigen Patienten.
Besonderes Potential kommt dabei dem jungen Patrick zu („Frodo“ Elijah Wood als schüchterner und amurös erfolgloser Techniker), der Joels Erinnerungen dazu benutzt, um bei Clementine nach der Löschung zu landen, jedoch in seinem Bemühen alles perfekt zu machen, genau das Falsche tut und durch die Pervertierung echter Gefühle nur Echos des Abscheus hervorruft.
Die Sprechstundenhilfe Mary (Kirsten Dunst, emotional vollkommen von der Leine gelassen), kommt zu einigen Erkenntnissen, die das Ende des Films vorweg nehmen, bezüglich des Erfolgs der Löschungen und dem Umgang mit dem Wissen, daß man sich selbst hat löschen lassen. Zwar kann man Erinnerungen komplett auslöschen, doch die Anziehung zwischen den Menschen, das Etwas, das eben „paßt“, das gewisse auslösende Etwas, das bleibt bestehen, wie ein unbezwingbarer Drang, ein Magnet, ein positives Echo.
Wer also beim Prolog noch nicht ahnt, worauf das alles hinausläuft, wird spätestens am Ende der zu löschenden Erinnerungen wissen, was der Prolog wirklich bedeutet.
Anstelle jedoch Anziehung und unüberbrückbare Gegensätze als endlosen Kreislauf darzustellen (wie im Originaldrehbuch die ursprüngliche Absicht), versucht sich der Film letztlich an einer Art moralischen Auseinandersetzung, als die Patienten mittels ihrer Löschungstestamente darüber aufgeklärt werden, was sie getan haben.
Doch Kaufman gefällt sich nicht an einer sonst so gerngesehenen moralischen Abwägung, denn dazu ist „Eternal Sunshine..:“ viel zu emotional geraten.
Am Ende wissen Joel und Clementine, woran sie scheitern werden und versuchen es nach kurzem Zögern dann doch miteinander. Ein Erklärungsversuch endet in Sprachlosigkeit, aber vielleicht gibt es nichts zu sagen, vielleicht spielt das Risiko einfach immer mit, vielleicht muß man machen, was einem hier und jetzt gut tut und alles andere in Kauf nehmen, vielleicht haben die beiden jetzt bessere Chancen. Vielleicht auch nicht.
Die letzte Einstellung zeigt beide im Schnee am Strand herumtollen, eine Entscheidung für das Jetzt und Hier, das Maß aller Dinge.
Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Nichts könnte falscher sein. „Eternal Sunshine of the spotless mind“ ist ultimativ einsetzbar, eine Idee von Menschen für alle Menschen, wahrhaftig und aktuell zu allen Zeiten.
Ich habe gesehen, ich habe gefühlt, ich weiß nicht, wie es enden wird. Danke dafür. (10/10)