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Dr. Goodwin Baxter betraut den jungen Medizinstudenten Max McCandle mit der Überwachung eines Projekts. Denn bei Dr. Baxter wohnt Bella, die zwar den Körper einer erwachsenen Frau, aber eben auch einen infantilen Verstand besitzt. Max soll ihre Fortschritte beobachten und dokumentieren, wobei er feststellt, dass Bella zusehends heranreift. Das bleibt auch anderen nicht verborgen, ebenso wenig, dass sie einen unbändigen Freiheitsdrang entwickelt.

Nach dem gleichnamigen Roman von Alasdair Gray lässt Giorgos Lanthimos hier eine Variation des Frankenstein-Themas auf das Kinopublikum los. Ausschweifend, bunt und mitunter angenehm bizarr präsentiert.
Man mag das im größeren Zusammenhang sehen, die Emanzipation des Menschen vom Schöpfer, der ihn klein halten will mit all seinen Regeln. Und nicht nur deswegen, weil die Kurzform von Godwin hier „God“ ist. Allerdings drängt sich hier eine weibliche Sichtweise merklich auf. Das Freischwimmen der Hauptfigur aus der eingezäunten Welt, in der man sie halten will. Unterstützt wird dies, wenn man sich die männlichen Figuren mal ansieht. Meist triebgesteuert und das nicht nur auf sexueller Ebene denn auch monetär oder generell nach Besitz strebend. Ausnahmen bestätigen die Regel, im Gros sind sie aber diverse Archetypen der Unterdrückung. Doch können sie den durch die Lernprozesse immer weiter wachsenden Geist nicht aufhalten.
Und sobald die Welt ihr offen steht, wird diese bunt, ergießt sich in Farben und Erfahrungen. Dabei geht es um Konsum, Sex, allerlei zwischenmenschlichen Beziehungen und all dies muss erfahren und gelernt werden.

Emma Stone als Bella dabei zuzusehen macht auch richtig Spaß. Ihr Spiel ist befreit und auch freizügig, was nicht zur auf das Zeigen von nackter Haut bezogen ist, sondern auf alle Regungen, Gesten und Reaktionen. Es liegt in der Figur, die sich eben wie ein Kind verhält, die durch ihre Naivität alles entdeckt, erfragt und so etwas wie Zurückhaltung eigentlich nicht kennt. Was in mancher Szene auch angenehm erfrischend wirkt, dennoch aber auch nachdenklich macht. Denn man bekommt vor Augen geführt, welchen Grenzen man sich in seinem Leben selbst unterworfen hat, gesellschaftlich. Und all dies bringt Stone mit Energie, Neugier und Reflexion rüber. Große Leistung ihrerseits.
Dem gegenüber steht ein überwiegend männliches Ensemble. Willem Dafoe als Vaterfigur, überbehütend und doch nicht ohne Zuneigung für seine Kreation. Er spielt auf seinem gewohnten Level und ist somit auch hier ein Gewinn. Mark Ruffalo, der als schmieriger Anwalt Bella mitnimmt, ihr Abenteuer zeigen will, sie aber eben auch nur als ein solches betrachtet, bringt sich angenehm vielseitig ein. Sein Fall aus der (selbstauferlegten) Überlegenheit ist ein kleines Fest. Ramy Youssef, der Max mit den guten Absichten und Christopher Abbott als Alfie stehen da etwas hinten an. So gegensätzlich und repräsentativ diese Figuren auch sind, so bleiben sie letztlich mit wenig Nachwirkung.

Das kann man von der Präsentation wahrlich nicht behaupten. Das Design ist durch die Bank bemerkenswert, angefangen bei Dafoes entstelltem Gesicht über manch tierische Schöpfung im Haus seines Godwin über die Interieurs und Stadtlandschaften bis hin zu den Klamotten. Insbesondere Bella bekommt hier alle Nase lang eine neue exaltierte Kreation verpasst, wie eine weitere Schicht ihres eh schon   nach außen wirkenden Charakters.
Aber auch die von Robbie Ryan geführte Kamera ist eigen, oft auf der Höhe der Körpermitte mit Einsätzen von Vignetten, Unschärfen und Verzerrungen. „Poor Things“ wirkt immer wieder traumhaft, dazu bestückt mit knalligen Farben und Formen. Die Musik von Jerskin Fendrix trägt dazu bei, schwankt immer wieder zwischen einer eigenen Melodik und einer Collage an Geräuschen. Doch bei all der Opulenz bleibt dies ein Werk, das von seinen Darstellern getragen wird, diese verkommen nie zur Staffage oder lassen sich von der Präsentation überwältigen; eine anerkennenswerte Regieleistung.

Mit kurzen wie schönen Zwischensequenzen leitet die bei aller Surrealität sehr geradeaus erzählte Geschichte von einem Kapitel zum nächsten. Die episodische Erzählweise bringt Struktur, doch ist der Abschnitt in Paris für mich zu lang geraten und manche eingeworfene Idee oder Entwicklung wird einfach fallengelassen. Und ist die Komponente Sex auch allgegenwärtig und ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung und des Auslebens, so fokussiert sich das Skript mitunter zu sehr auf diesen einen Aspekt. Auch die Philosophie und die Entwicklung des Geistes kommen zur Sprache, spielen für meinen Geschmack aber eine zu kleine Rolle. Meckern auf hohem Niveau, doch ist mir das nicht ausreichend ausbalanciert.

Bella durchläuft ein Leben, wächst und lernt. Lanthimos inszeniert diese Reise in einer phantastischen Welt, die irreale Visualisierung passt hervorragend ins Konzept und wird nur noch von Emma Stones Spiel übertroffen. Kleine Dämpfer hier und da sind da verschmerzbar, „Poor Things“ bleibt dennoch ein kurzweiliger und interpretationsfreudiger Film, dabei immer wieder auch witzig. Unkonventionell und unterhaltsam, ein Plädoyer für die freie Entwicklung der Persönlichkeit.

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