„Wo bleibt denn die scheiß Polizei?!“
Nach der erfolgreichen ersten Zusammenarbeit des italienischen Regisseurs Enzo G. Castellari mit Franco Nero („Django“), der die Hauptrolle in „Tote Zeugen singen nicht“ bekleidete, folge ein Jahr später (1974) eine weitere Kollaboration für den Poliziesco „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ alias „Ein Mann schlägt zurück“. Strenggenommen handelt es sich jedoch vielmehr um einen Selbstjustiz-Thriller aus Sicht eines „einfachen Bürgers“ denn um einen Polizeifilm, offenkundig beeinflusst von Michael Winners „Ein Mann sieht rot“.
Carlo Antonelli (Franco Nero) bringt sein redlich verdientes zur Post und hat es gerade auf den Tresen gelegt, als die Filiale von drei bewaffneten Verbrechern (Romano Puppo, „Fireflash – Der Tag nach dem Ende“, Massimo Vanni, „The Riffs – Die Gewalt sind wir“, Nazzareno Zamperla, „Hügel der blutigen Stiefel“) überfallen wird. Sie rauben den Laden aus und als Carlo sein Geld schnell wieder einstecken möchte, wird er nicht nur bedroht, sondern auch noch als Geisel auserkoren und auf der Flucht brutal zusammengeschlagen. Die Verbrecher entkommen, Carlo wird auf die Straße geworfen. Doch was Carlo wirklich empört, ist die Reaktion der Polizei, für die Fälle wie dieser Alltag zu sein scheinen und die Carlos Schicksal keine größere Bedeutung beimessen. Carlo fühlt sich nicht ernstgenommen; voller Wut versucht er selbst, das Trio ausfindig zu machen. Tatsächlich gelingt es Carlo, auf die Spur seiner Entführer zu kommen, doch die Polizei bleibt passiv. Entgegen der Appelle seiner Freundin Barbara (Barbara Bach, „Malastrana“) nimmt er das Gesetz selbst in die Hand…
„Gesetze sind wie Spinnweben: Sie fangen die kleinen Fliegen, aber die dicken Brummer reißen Löcher hinein!“
Anhand einer Abfolge brutaler Verbrechen und Morde skizziert Castellari zu Beginn das allgemeine gesellschaftliche Klima, in dem das Unrecht grassiert und zunehmend den Alltag bestimmt. Eine gesungene Hippie-Rock-Melodie macht mit dem Soundtrack der De-Angelis-Brüder vertraut, der sich abwechslungsreich durch den Film zieht. Auf Carlos beschriebene unfreiwillige Verwicklung in den Überfall der Postfiliale folgt eine gewohnt rasante Verfolgungsjagd per Kfz inkl. einiger Stunts. Der unbescholtene, bislang wenig auffällige Ingenieur Carlo reagiert empört, als die Polizei ihm ankreidet, sich gewehrt zu haben. Dies erschüttert Carlos Glaube an Recht und Gesetz derart, dass er ob der erfahrenen Ungerechtigkeiten, vor allem durch die Reaktion der Polizei, vollkommen aufgewühlt ist und die Welt nicht mehr versteht. Sein zuvor anscheinend leicht naives Vertrauen in die Justiz ist zerstört und aus dem braven, angepassten Bürger wird das genaue Gegenteil: Seiner Frau gegenüber rutscht ihm die Hand aus und wie besessen gilt sein Hauptaugenmerk fortan der Suche nach den Verbrechern – woran sich auch nichts ändert, als er zunächst auf Granit beißt und auch noch sein Auto demoliert wird. Schließlich greift er selbst zu unlauteren Methoden und erpresst den Kleinkriminellen Tommy (Giancarlo Prete, „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“), um u.a. an Waffen zu gelangen.
Die Entmenschlichung der Gangster durchbricht der Film, als er Tommy von dessen Sozialisation erzählen und zarte Freundschaftsbande zu Carlo knüpfen lässt. Mit Tommys Hilfe gelingt es Carlo tatsächlich, an die Gangster heranzukommen und er lässt sich von ihm zu deren Versteck fahren. Dort jedoch erwarten ihn abermals böse Prügel und Erniedrigung. Castellari lässt einen wilden Rocksong ertönen, für den der normale Filmton mitsamt Sprache und Geräuschen gänzlich verstummt. Spätestens hier beweist der zugegebenermaßen diesmal leicht zum Overacting neigende Franco Nero seine schauspielerische Klasse, Entsetzen und Verängstigung stehen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Die Action-Schraube wird nach dem harten Einstieg wieder deutlich angezogen, Castellari arbeitet mit dramatischen Zeitlupen, Nero mit einer Schaufel und die Make-up-Abteilung mit viel Geschick, wenn sie den Hauptdarsteller völlig fertig, mehr tot als lebendig aussehen lässt. Schon längst ist „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ kein „Ein Mann sieht rot“-Plagiat mehr, wenn es denn je eines war.
Carlos Wohnung wird in Brand gesetzt und damit eine Brücke zum Prolog geschlagen. Durch Druck auf die Polizei beginnt diese, Aktionismus zu betreiben – eine perfide Taktik. Eine Entführung wird fingiert, die Unterwelt reagiert zunehmend entnervt auf den Vigilanten. Das erwartet actionreiche Finale hat einen tragischen Ausgang. Am Ende bleibt fraglich, ob Carlo nun die Verbrecher mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat, ob er seine Unschuld verloren und selbst Leid verursacht oder die Gesellschaft von wenigstens ein paar kriminellen Elementen befreit hat, ob er den Tod eines Freundes zu verantworten hat, ob er sich selbst in Lebensgefahr begeben und letztlich nur Glück gehabt hat und ob er Vorbildfunktion einnehmen sollte oder vielleicht doch besser nicht. Die Polizei ist sich sicher und erpresst ihrerseits Carlo im Epilog. Der Zuschauer ist angehalten, gern noch ein wenig über das Gesehene nachzudenken, denn Carlos Charakter wurde offenbar bewusst ambivalent gezeichnet und macht ihn nicht zum strahlenden Helden der Selbstjustiz. Stattdessen zeigt „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ das fragile Verhältnis zwischen Bürgern und Rechtsstaat und mögliche Folgen, beginnend mit emotional verstörendem Vertrauensverlust und mündend in Mord und Totschlag. Vermeintlich einfache Lösungen sowie jeglichen reaktionären Ansatz behält der Film für sich und ist nicht nur deshalb in keiner Weise als glorifizierend zu betrachtend. Zu einem beträchtlichen Anteil kann „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ durchaus auch als Psychogramm eines naiv an die für Gerechtigkeit sorgende Obrigkeit glaubenden Mannes betrachtet werden, der letztlich ebenso viel kriminelle Energie in sich birgt wie diejenigen, vor denen er beschützt werden möchte. Ferner zeigt Castellari, wie schnell man selbst zum Kriminellen werden kann.
Verglichen mit dem eher schroff inszenierten Vorgänger „Tote Zeugen singen nicht“ wirkt „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ visuell edler und wartet mit einigen echten Kamera-Kunstgriffen auf. Der Soundtrack erlangt mit der lässigen Soul-Nummer „Driving All Around“ seinen Höhepunkt und passt prima zum facettenreichen Geschehen auf der Leinwand. Trotz Castellari auf dem Regiestuhl setzt der Film nicht übertrieben auf Action, sondern reichert die Geschichte mit Buddy-Movie-Einflüssen an. Stunts gibt es dennoch nicht wenige zu bewundern und Franco Nero ließ es sich Überlieferungen zufolge nicht nehmen, sie alle höchstpersönlich durchzuführen. In der Schauspieler-Riege bekommt man neben Nero viele italienische Charaktergesichter zu sehen, beispielsweise Renzo Palmer („Racket“) bei der Polizei oder eben Romano Puppo und Massimo Vanni unter den Gangstern. Barbara Bach hat nicht viel zu tun, ist aber auch stets gern gesehen – ebenso wie der obligatorische Castellari-Cameo. Ein äußerst gelungener, gewohnt harter Genre-Beitrag, der zum Besten zählt, was ich bisher von Castellari gesehen habe!