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„Das nennst du bumsen?!“

US-Regisseur Tom DeSimone („Hell Night”), der seine Karriere auf Schwulenpornos aufbaute, später ins Genrefilmerfach und schließlich zum Fernsehen wechselte, drehte die im Jahre 1977 veröffentlichte Erotikkomödie „Chatterbox“ um eine sprechende Vagina. Die Filmidee beanspruchte er für sich, obwohl bereits zwei Jahre zuvor der französische Pornofilm „Pussy Talk“ erschienen war, der hierzulande sogar sowohl in einer Hard- als auch in einer Softcore-Fassung im Kino lief.

„Was du da von dir gibst, befremdet mich irgendwie...“

Penelope (Candice Rialson, „In Hollywood ist der Teufel los“) und Ted (Perry Bullington, „Zeit der Sehnsucht“) sind ein eigentlich glückliches junges Paar, das gern Sex miteinander hat. Eines Tages jedoch meldet sich nach dem Beischlaf urplötzlich Penelopes Vagina zu Wort und lässt kein gutes Haar an Teds Fähigkeiten als Liebhaber. Bedröppelt sucht dieser das Weite. Fortan denkt Penelopes Muschi, die Virginia getauft wird, gar nicht mehr daran, die Klappe zu halten, und bringt Penelope in allerlei unangenehme Situationen. Ferner entdeckt Virginia ihr Gesangstalent, was Penelope, Spitzname: Penny, endgültig zu Psychiater Dr. Pearl (Larry Gelman, „...die keine Gnade kennen“) treibt. Dieser wittert ob dieser anatomischen – und künstlerischen – Kuriosität das große Geschäft und verdingt sich fortan als Manager der, äh, beiden, um sie groß rauszubringen. Tatsächlich tritt Virginia vor ausverkauftem Haus als Sängerin auf und geht auf große Tournee, doch Pennys Privatleben leidet darunter…

„Sie hat eine wundervolle Stimme!“

DeSimones Low-Budget-Komödie lässt sich guten Gewissens dem Bereich des freiwilligen, campy Trashs zuordnen und entspringt weniger dem Erotik- und Softsex-Genre mit seinen nach der sexuellen Revolution trotz aller nackter Haut seltsam verklemmt oder patriarchalisch-sexistisch anmutenden Rödelklamotten, sondern – ob DeSimone nun „Pussy Talk“ kannte oder nicht – den kreativen, originellen bis experimentellen Vertretern des Golden Age of Porn. Slapstick trifft hier auf Situationskomik und Erotik, wenn die sexy und zeigefreudige, im ultraknappen Kleidchen als Friseurin arbeitende Penny zur Nutznießerin des Umstands wird, dass Virginia ein Schäferstündchen mit der lesbischen Kundin Marlene (Arlene Martel, „Zoltan – Draculas Bluthund“) arrangiert. Nachdem sie Dr. Pearl konsultiert hat, wird sie auf einem Ärztekongress vorgeführt, wo sie mit einer Band singt – Virginia, wohlgemerkt. Virginias Bestechungsversuch eines Polizisten, nachdem Penny falsch geparkt hat, führt jedoch direkt ins Gefängnis – glücklicherweise zahlt Ted ihre Kaution.

Virginia treibt Penny fortan penetrant zur Sexualpartnersuche. Als Pennys Mutter von der Tournee erfährt, ist sie zunächst empört – als sie erfährt, vom Ruhm ihrer Tochter partizipieren zu können, sieht sie das aber plötzlich ganz anders…Pennys Versuch, wieder mit Ted zusammenkommen, scheitert, woraufhin sie an der „Herzblatt“-US-Variante teilnimmt bzw. -nehmen. Mit - nomen est omen - Dick (Michael Taylor, „Die Klapperschlange“), dem Gewinner, geht Penny tanzen, was DeSimone zum Anlass für eine recht ausgedehnte Füllszene in Form fröhlicher Bewegungen zur Musik nimmt (wodurch „Chatterbox“ sogar ein bisschen was einem Musikfilm bekommt). Sie lässt sich zu ihm nach Hause mitnehmen, wo ein kitschiges Liebesnest auf ihn und seine Eroberung wartet. Obwohl er auf Rollenspiele steht, erleben Penny und Virginia eine wunderschöne Nacht. Doch Dick war nur an einem One Night Stand interessiert, seine nächste Bettgespielin wartet schon.

Dafür sind Penny und Virginia im Verbund aber ein echter Superstar, der sogar zum Film geht und in einem albernen Musicalfilm mitspielt. Dort jedoch erträgt Penny ihre Situation nicht mehr, verschwindet vom Set, fährt an eine Klippe und will sich herunterstürzen – bis sie Ted dort ebenfalls stehen sieht, dessen Penis ein Duett mit Virginia zu singen beginnt…

Seeing oder vielmehr hearing ist hier Believing, denn Pennys schambelipptes, aber wenig schamvolles Plappermuschimäulchen bekommt man nie zu Gesicht, dafür aber die attraktive Penny häufig oben ohne. Dass sich die Kameraarbeit indes ganz generell sehen lassen kann, liegt an Tak Fujimoto, der später großes, ernstes Hollywood-Kino wie „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Philadelphia“ auf Film bannte. Tatsächlich entpuppt sich diese höchst eigenartige Handlung mit ihren witzigen Dialogen und ihrem frechen Humor als schlüpfrige und kurzweilige, weil mit rund 70 Minuten Laufzeit nicht überstrapazierte Parodie auf Triebhaftigkeit und Satire aufs Showgeschäft. Sommerlich und unbeschwert werden ein Konflikt Liebe versus Libido karikiert, die Verwertungsmechanismen des Showbiz persifliert und ein für derartige Späße zu habendes Publikum amüsiert. Humoristisch sicherlich nicht der ganz große Wurf, aber eine sympathische Wohltat zwischen den ganzen halbgaren bis gänzlich abtörnenden Fummelfilmchen der 1970er.

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