Last man running - Ritter Tom ohne Furcht und Tadel
“You saved Hollywood’s ass and you might have saved theatrical distribution! Seriously, „top Gun: Maverick“ might have saved the entire theatrical industry.”
Prinzipiell kann und konnte jeder Souverän zum Ritter schlagen, aber gekrönte Häupter haben noch einmal eine ganz andere Strahlkraft. Wie im oben zitierten Fall, denn dieser verbale Ritterschlag stammt von keinem geringeren als Steven Spielberg, seines Zeichens König, Kaiser und Großmeister des modernen Blockbusterkinos. Der Adressat gehört zwar ebenfalls seit Jahrzehnten zum Hollywoodschen Hochadel, aber eine solche Ehrung sticht selbst auf seiner hoch dekorierten Heldenbrust heraus. Eine bessere Werbung für seinen 7. Auftritt als Superagent Ethan Hunt hätte er sich gar nicht wünschen können, obgleich ein Spezialist für unmögliche Missionen sicher auch ohne Stevens Schwertleite einen Weg zum neuerlichen Box Office-Triumph gefunden hätte.
Tom Cruise ist augenblicklich zweifellos auf dem Zenit seiner Karriere, wieder einmal. Der kleine Popularitätsknick Mitte der 2000er Jahre, als seltsame Talkshowauftritte und Scientology-Bekenntnisse dem Nimbus des größten Filmstars der späten 80er und 90er Jahre einen herben Dämpfer versetzten, wirkt wie aus einer längst vergangenen Epoche. Stück für Stück kämpfte sich der akribische Arbeiter zurück an die Spitze, faszinierte durch seine bedingungslose Liebe zum Kino und seinen bedingungslosen Einsatz bei irrwitzigen Stunts. Mit dem späten Sequel zu seinem frühen Superhit „Top Gun“ befreite er vor Jahresfrist die Kinobranche von ihrer Depression aus Pandemie- und Streaming-bedingten Zuschauerschwund und brach eine güldene Lanze für ein längst tot gesagtes Medium. Und so strömten Generationen in die Kinosäle um ihre durch dutzende seelenlose CGI-Schlachten und serielles Binge-Watching zementierte Saturiertheit gegen das Faszinosum Adrenalin-triefender Handarbeit und wuchtiger IMAX-Panoramen zu tauschen. Das Blockbusterkino - so die offensive Botschaft - ist quicklebendig, mindestens so lange Tom am Steuer sitzt.
Nur ein Jahr später sind seine Qualitäten gefragter denn je. In einem Kinosommer, bei dem die einst so verlässlichen Comic-Helden reihenweise straucheln, in dem den wilden Rasern zunehmend der Sprit ausgeht und in dem selbst der ikonische Mann mit dem Hut in seinem letzten Abenteuer quasi durch die Hintertür abtritt, braucht die gebeutelte Branche erneut eine Injektion. Da kommt der siebte Ableger der „Mission-Impossible“-Reihe gerade recht., verspricht er doch alles, was die gestrauchelten Frühstarter vermissen ließen: Hohes Tempo, grandiose Bilder, spektakuläre Kulissen und noch spektakulärer Stunts, natürlich ausgeführt von Tom Cruise höchstpersönlich, der auch im sechsten Lebensjahrzehnt weder Stuntman- noch Digital-Support benötigt, um jenen Sense of Wonder zu erschaffen, der nur auf der großen Leinwand und nur im dunklen Saal seine volle Wirkung entfaltet.
Einziges Problem, der unmittelbare Vorgänger aus dem Jahr 2018 („Mission-Impossible - Fallout“) legte in dieser Hinsicht die Messlatte bereits in schwindelerregende Höhen. Kein Actionfilm mindestens der Dekade - mit Ausnahme von „Top Gun -Maverick“ - kommt hier auch nur ansatzweise in Schlagdistanz. Nun also machten sich Regisseur und Drehbuchautor Christopher Mc Quarrie sowie sein Produzent und Hauptdarsteller Tom Cruise erneut auf den Weg um den Action-Gipfel ein weiteres Mal zu stürmen. Ein ambitioniertes aber keineswegs unmögliches Unternehmen, schließlich bilden die beiden nach 8 gemeinsamen Projekten in 15 Jahren eine perfekt harmonierende Seilschaft, die noch jedes Hindernis bravourös meisterte. Das sah wohl auch Cruise so, denn zugunsten McQuarries wich er von seiner Agenda ab, jeden „Mission: Impossible“ Film von einem anderen Regisseur inszenieren zu lassen, die der Reihe verschiedene Anstriche verpassen sollten. Und so sitzt McQuarrie beim siebten Abenteuer zum dritten Mal auf dem Regiestuhl und den wird er bis zu Cruises geplanten Abschied bestimmt nicht mehr räumen, auch weil „Mission Impossible: Dead Reckoning“ als Zweiteiler angelegt ist.
Und so erleben wird aktuell nur den Auftakt der wohlmöglich finalen Mission Ethan Hunts, aber was für einen. Wen die bange Sorge umtrieb das Verfolgungsballett auf den Straßen der französischen Hauptstadt wäre nicht mehr zu toppen, der kann erst einmal durchatmen. Was Tom Cruise auf den Straßen Roms in einem knallgelben Fiat 500 veranstaltet ist mindestens ebenbürtig und verbindet auf unwiderstehliche Art Rasanz, Humor sowie Spektakel. Und wer sich sicher war, das entfesselte Helikopterduell zwischen Cruise und Henry Cavill würde auf ewig das Actionhighlight der Serie bleiben, der wird spätestens arge Zweifel bekommen, wenn Ethan Hunt mitsamt Team in den Orientexpress nach Wien einsteigt. Wobei Einsteigen in seinem Fall eine fulminante Untertreibung ist. Schließlich rast er mit dem Motorrad über eine Klippe, öffnet im freien Fall einen Gleitschirm und kracht schließlich durch das Fenster des rasenden Zuges. Dieser halsbrecherische Stunt wurde vor Monaten bereist werbewirksam per YouTube-Video verbreitet, ein cleverer Schachzug, weiß doch jetzt ein Großteil des Publikums welche Akribie und famose Stuntleistung der Hauptdarsteller hier vollbracht hat.
Man kann zu Tom Cruise stehen wie man will, aber es gibt aktuell keinen Star, auch keinen Regisseur (McQuarrie mal ausgenommen), der das Blockbusterhandwerk besser versteht. Ob Locations, diesmal geht es nach Abu Dhabi, Rom, Venedig und Norwegen, Actioninszenierung oder Spannungsplot, alles State of the Art. Jedes Bild, jede Einstellung strotz vor Wucht, Eleganz und Grandezza. Ob Humor, Drama, Thrill oder Spektakel, alles harmoniert, nichts wirkt beliebig oder selbstzweckhaft. Im großen Finale schließlich sind all diese Elemente wie in einem Mikrokosmos noch einmal verdichtet und zerbröseln sämtliche Anflüge von Redundanzgedanken bezüglich Action in, auf und an Zügen in ihre Atome.
Neben und in all dem Hochglanz-Actionparcours sorgt vor allem Hunts IMF-Team, bestehend aus Computergenie Luther (Ving Rhames), Technik-Mastermind Benji (Simon Pegg) und Ex-MI6-Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) - für den erdenden Faktor Mensch. Themen wie Loyalität, Freundschaft, aber auch Stress und Sorge verhindern, dass aus Superagenten reine Chiffren werden. Und Neuzugang Hayley Atwell versprüht als Meisterdiebin ähnliche Charmefunken wie einst Handy Newton in "M:I 2". Bleibt noch der Antagonist und auch hier ist die siebte Mission am Puls der Zeit. Kein TV-Serien-, Tarantino- oder Coen-erprobter Bösewicht remixt seinen Signature-Auftritt, nein, das ultimative Böse kommt aus dem digitalen Lager. Es ist eine grandiose Idee eine der letzten analogen Filmhelden, gegen eine sich stetig weiter entwickelnde KI antreten zu lassen. Nicht nur vor dem Hintergrund der heißen Diskussionen um Möglichkeiten, Gefahren und Zukunft von Chatcpt, sondern auch im Zuge immer mächtiger werdender Streaming-Kanäle, die das Kino vehementer angreifen und stärker bedrohen als seinerzeit TV und DTV-Formate.
Ob diese Schlacht zu gewinnen ist, steht in den Sternen. Viele sehen das Kino langfristig auf verlorenem Posten. Die Zukunft ist digital, heißt es allerorten. Eine unmögliche Mission also? Nun, nicht solange es Ethan Hunt gespielt von Tom Cruise gibt. Auch wenn die Zeit gegen ihn spricht, wird er weiter gegen die stereotype Konfektionsware ansprinten, seine Grenzbereiche ausloten und so die Feste der alten Kinokultur verteidigen. König Steven darf und wird weiterhin stolz auf ihn sein. Ein Ritter ohne Furcht und Tadel.