Die Entwicklung der Atombombe, quasi in der Motivation Nazi-Deutschland zuvorzukommen (und später der Sowjetunion), war nicht das Projekt einer einzelnen Person. Und doch ist ein Name mit dieser Massenvernichtungswaffe verbunden wie kaum ein anderer. Regisseur Christopher Nolan nahm sich nun Teilen des Lebens von Julius Robert Oppenheimer an und bringt ein dreistündiges Werk auf die Leinwand, das Interesse und Geduld verlangt.
Nicht linear erzählt springt der Film immer wieder in seinen Zeitebenen hin und her, beleuchtet im Wirken des „Vaters der Atombombe“ Ausschnitte aus dessen Leben. Von seiner Forschung und Tätigkeit an Universitäten bis hin zu seiner Leitungsfunktion bei der Entwicklung der Bombe in Los Alamos. Auch die später folgenden Prozesse und Anhörungen im Rahmen der Verdächtigungen der kommunistischen Umtriebe et cetera lässt Nolan, der auch das Skript verfasste, nicht unbeachtet. Im Gegenteil, dies rahmt dieses Portrait ausschweifend ein.
Wie oft bei Nolan ist auch hier die Emotionalität eher untergeordnet. Zwar gibt es hier und da Momente, insgesamt macht er aber eben Filme mit dem Kopf, nicht mit dem Herz. So ist auch „Oppenheimer“ eher eine kühle Angelegenheit. Allerdings ist das bei diesem Umfeld nicht unpassend. Trotzdem fehlte mir da ein bisschen was, wenn es auch nicht ob seiner vorigen Filme überraschend kam.
Das Ensemble ist ausufernd in Figuren und Besetzung. Viele aus der wissenschaftlichen Welt dieser Epoche bekannten Gesichter, von ebenso vielen bekannten Darstellern zum Leben erweckt. In der Titelrolle Cillian Murphy, der eine sehr ansprechende Leistung bietet und seiner Figur neben den stoischen Blicken auch immer wieder Ambivalenz verpasst, aus der sich kleine Risse in der Gefühlswelt bilden. Und doch war das gerade im Hinblick auf die Zerrissenheit der Figur da zu wenig. Das liegt allerdings nicht an Murphy, sondern an Nolan.
Matt Damon als General Groves liefert ebenfalls ab, während Emily Blunt als Oppenheimers Frau Kitty quasi als Transport der privaten Seite ans Publikum und auch als eine gewisse Opposition dient. Eine weitere gewichtige Rolle hat Robert Downey Jr. inne, der den Politiker Lewis Strauss verkörpert. Sein Wirken beeinflusst insbesondere den späteren Part des Films; auch er spielt ansehnlich. Ausfälle gibt es generell nicht, dazu ist hier auch zu viel Qualität vorhanden. Von Florence Pugh bis Benny Safdie, von Casey Affleck bis Josh Hartnett. Rami Malek wirkt allerdings ziemlich entrückt und sticht da eher negativ heraus.
Von der Masse der Leute wird man förmlich erschlagen, auch wenn Nolan sich Mühe gibt, zu kategorisieren. Wer ist wirklich wichtig, wer repräsentiert quasi weniger eine Person denn eher eine Institution oder nahende Konsequenz. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase stellt sich zwar eine gewisse Orientierung ein, doch fährt der Film die Schiene der Figurenmasse immer weiter. Ob es das in der Menge gebraucht hätte ist fraglich, selbst bei dem Willen nach einer möglich vollständigen Abbildung.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nach der Bombe innerlich etwas runterfuhr. Die Szene war erwartbar, ist visuell eindrücklich, löst eine Zäsur aus, doch ist der Film damit noch lange nicht vorbei. Und auch wenn die anschließend weiterlaufenden Anhörungen interessant sind, so sind sie (wenn auch nicht unbedingt im negativen Sinne) ermüdend. Denn Aufmerksamkeit wird verlangt, Kenntnisse in der US-amerikanischen Geschichte aus dieser Ära (Stichwort McCarthy) sind von Vorteil.
Das Herausarbeiten der Gegenüberstellung von Erschaffung und Reue, von Beifall und Erkenntnis, fällt für meinen Geschmack etwas zu kurz aus. Ebenso wie die Bebilderung der Folgen, denn was in Hiroshima und Nagasaki angerichtet wurde, das wird nur angerissen. Klar, das ist nicht das Thema des Films, der sich einfach auf die Figur konzentrieren will, doch ist dieser Eintrag in den Geschichtsbüchern eben mit dieser verbunden.
Verbindend wirkt auch der Score von Ludwig Göransson, der oftmals wie ein Teil des Sounddesigns anmutet. Er untermalt, treibt, zieht und bildet mit den die Zeitebenen sprengenden tonalen Einschüben eine fast schon eigene Erzählung. Hängen blieb vom Score allerdings nichts, dazu verwebt er sich zu sehr mit dem Ganzen, überdröhnt dieses auch gerne mal und leider auch manch gesprochene Zeile.
Auch nicht vollends überzeugend sind Hoyte van Hoytemas verwackelte Bilder und für mich ist es immer ein Ärgernis, wenn selbst in ruhigen Dialogpassagen das Bild nicht stillstehen kann. Dafür versorgt van Hoytema die Leinwand abseits dessen mit vielen gelungenen Aufnahmen. Landschaften in der Totale, an den Figuren nah dran. Auffällig dabei, wie er hierbei den Hintergrund gerne in der Unschärfe absaufen lässt. Der Fokus ist somit klar.
Der nichtlineare Erzählstil lockert das dialoglastige Werk merklich auf. Doch bleibt „Oppenheimer“ eine wie von Nolan gewohnt eher kopflastige Angelegenheit. Wobei er sich damit der als Theoretiker auftretenden Hauptfigur natürlich entsprechend annähert. Die Stationen, die bebildert werden, schaffen in ihren drei Stunden das Bild eines Mannes, dessen Drang auf Entdeckung erst spät zur Reflexion führt. Emotional bzw. diesen inneren Konflikt betreffend liefert das Drama dann aber insgesamt zu wenig und auch audiovisuell ist das hier nicht frei von Makeln.
Belebt von einem fantastischen Ensemble und in seinem Aufbau überwiegend ansprechend, ist Nolans Biopic aber auch ein Stück weit überladen. Und das trotz seiner Fähigkeit, selbst in die vielen auf den Punkt geschriebenen Dialogpassagen Spannung einzubauen. Kam mir trotz der Lauflänge mancher Aspekt zu kurz, bleibt „Oppenheimer“ ein sehenswerter Film, sofern man sich für das Thema oder die Person auch nur ansatzweise interessiert.