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Ein ausgiebiges Stöbern auf dem Dachboden stellt normalerweise eine angenehme Erinnerungsreise dar, doch wenn jemand dunkle Kapitel der Vergangenheit verdrängte, kann dies auch ins Gegenteil umschlagen. Entsprechend mutet das Langfilmdebüt des Österreichers Achmed Abdel-Salam eher wie ein düsteres Familiendrama an als mit handfestem Horror aufzuwarten.

Michis (Cornelia Ivancan) Alkoholsucht hat ihre Familie reichlich zerrüttet, was darin gipfelte, als sie alkoholisiert einen Autounfall verursachte, bei dem ihre Tochter Hanna (Lola Herbst) einen Armbruch erlitt. Auch in ihrer Ehe mit Alex (Lukas Turtur) läuft es nicht rund, dennoch begeben sich die drei zur Bestattung ihres Vaters in die Provinz, wo Michi und Hanna einige Tage im Haus des Verstorbenen verbringen wollen. Als sie auf dem Dachboden ein altes Kästchen findet, werden alte Wunden geöffnet und Geister der Vergangenheit gerufen…

Eine fröstelnde Atmosphäre der Entfremdung und Distanz zeichnet sich von Beginn an ab. Es wird nur das nötigste gesprochen und lediglich Tochter Hanna heimst ein wenig Sympathie ein. Besser gesagt, Mitgefühl, denn wer möchte schon von einer Mutter umgeben sein, die unter Alkoholeinfluss offensichtlich unberechenbar wird. Dass Michi bereits seit fünf Monaten trocken ist, scheint kaum tröstlich, denn manche Wunden sitzen tief.

Was einige Zeit zu punkten vermag, ist die natürliche Umgebung, die Abdel-Salam ohne jede visuelle Verschnörkelung eingefangen hat. Das Haus des Vaters ist das eines Mannes, der jahrelang allein dort lebte und in den vergangenen Jahren augenscheinlich nicht mehr viel in Ausbesserungen investierte, wonach auch schon mal deutliche Spuren von Feuchtigkeit in den Ecken auftreten können. Ein in der Nähe befindliches Feld mit Sonnenblumen bietet sich indes für Versteckspiele an, doch es dauert eine ganze Weile, bis auch mal dunkle Vorzeichen zutage treten.

Denn die Geschichte wird durchweg ruhig und besonnen erzählt, auf Schockmomente wird komplett verzichtet, auch wenn die eine oder andere kleine Gruseleinlage an „The Ring“ angelehnt scheint, nur eben in blond. Mal tauchen Gestalten auf und verschwinden wieder, Flüsterstimmen gehören ohnedies zum Standard und erst in den letzten Minuten kristallisiert sich die komplette Hintergrundgeschichte heraus, die vergleichsweise wenig mit paranormalen Entitäten gemein hat.

Handwerklich ist bei alledem nicht viel anzukreiden. Neben der Wahl der natürlich anmutenden Schauplätze arbeitet die Kamera recht übersichtlich, während der Score nie zu sehr auf den Putz haut und dennoch ein latentes Gefühl des Unbehagens verbreitet.
Besonders positiv hervorzuheben sind hingegen die darstellerischen Leistungen, einschließlich der wenigen Nebendarsteller.

Nur leider bietet die Geschichte nebst Auflösung wenig Innovation, sie gestaltet sich zu selten spannend und generiert die Aufmerksamkeit eher durch die angespannte Mutter-Tochter-Beziehung denn durch geisterhaftes Treiben. Wer mit betont ruhigen und sparsam dosierten Gruselgefilden etwas anzufangen weiß, wird hier eventuell fündig, Freunde temporeicher Geisterbahnfahrten schauen eher in die Röhre.
5,5 von 10  

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