Im Zuge der instabilen Gesundheitssituation im Italien der 70er Jahre beglückte der für seine neorealistischen Werke bekannte Regisseur Luigi Zampa die Zuschauerschaft mit dem Polit-Drama „Die weisse Mafia“.
In der Eröffnungssequenz wird der Zuschauer mit der Arbeitsroutine Professor Valottis konfrontiert. Reihenweise warten die Patienten vor dem Behandlungszimmer des Arztes, denn seine Arbeit verrichtet Valotti gänzlich ohne Entlohnung, sodass selbst die Ärmsten sich eine Behandlung zugutekommen lassen können. Ein Heiliger soll er gar sein, wie ein Mann behauptet. Doch auch woanders wird seine Arbeit benötigt, denn er betreibt eine Nobelklinik, errichtet für die Reichen und Mächtigen. Dort angekommen offenbart Valotti dem Zuschauer seinen wahren Charakter. Schädliche Medikamente werden im Austausch eines Schecks unter die Leute gebracht, harmlose Beschwerden aggraviert und letztlich wird gar ein Kunstfehler, welcher einem Patienten das Leben kostet vertuscht. Doch durch seine Stellung und seinen Ruf als Humanitär schein Valotti unantastbar, bis ihm schließlich ein anonymer Brief in einem roten Umschlag das Gegenteil beweist. Valotti erfährt Gegenwind aus eigenen Reihen, seine Macht ist gefährdet, auf daß er schließlich zu drastischen Mitteln greift.
Zampas anklagender Film über die Ausbeutung der Schwachen durch die Mächtigen im Kontext eines Polit-Dramas kommt in sterilen, tristen Bildern daher. Dass Zampas Objekt der Thematik die Ärztewelt ist, kann man sich damit erklären, dass die Abhängigkeit der Schwachen, hier der Erkrankten, von den Mächtigen, den Ärzten, in keinem anderen Kontext direkter zur Schau gestellt werden kann.
Um den Film so realistisch wie möglich zu gestalten, entschied sich Zampa gegen örtliche oder zeitliche Verfremdung.
Nur selten bekommt der Zuschauer die Welt außerhalb der Klinik zu Gesicht. Zampa kreiert eine eigene Welt innerhalb der vier Wände des Hospitals. Eine Welt, in der Profit über ein Menschenleben entscheidet. Eine Welt, in der der Humanitarismus auf der Strecke bleibt und Machtbesessenheit seinen Platz einnimmt. Sogar Valotti selbst wird letztlich Opfer seiner eigenen Machtgier. Man merkt es an, dass Zampa mit vollstem Einsatz an der Produktion beteiligt war um seine Position im Bezug auf das Streben nach Macht klarzulegen.
Besonders wiederspiegeln tut sich dies in der Figur des Dr. Giordani. Mit zynischem Blick auf die Situation lernt es dieser, damit zu leben, um nicht damit unterzugehen. Seinen Glauben an das Gewissen hat er längstens abgelegt. Nur der Ekel vor dem desolaten Zustand der ausbeuterischen Gesellschaft, an der er selbst anteilig ist, bleibt.
Auch das gelungene Drehbuch soll nicht unerwähnt bleiben. Mit überraschend belebten Dialogen vermag es „Die weisse Mafia“ ein seltenes Gefühl der Authentizität zu schaffen und den Zuschauer vor dem Bildschirm zu fesseln.
So ist es nicht verwunderlich, dass Drehbuchautor Massimo De Rita im späteren Verlauf seiner Karriere an weltweit verehrten Werken wie „Allein gegen die Mafia“ mitwirken würde.
Durch den talentierten Cast, unter Anderem bestehend aus dem italienischen Star-Schauspieler Gabriele Ferzetti, bekannt aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Die mit der Liebe spielen“, wird die authentische Atmosphäre des Filmes gestützt, denn ein jeder zeigt sich in seiner Rolle stets bemüht. Besonders Enrico Salerno sei an dieser Stelle gelobt. Spätestens im Finale zeigt sich, wie sehr er in seiner Rolle als Dr. Giordani aufblüht.
Begleitet werden die Bilder von einem beseelten Soundtrack Riz Ortolanis, welcher sich auch für die musikalische Untermalung von „Nackt und Zerfleischt“, „Addio Onkel Tom“ und „Der Tod ritt dienstags“ verantwortlich zeigt. Wie bereits in „Cannibal Holocaust“ steht die ruhige, beinahe friedliche Musik im Kontrast zur harten Thematik des Filmes.