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Bei Genrefilmen außerhalb der Komödie tut man sich in Deutschland leider immer noch schwer und selbst wenn mal ein Werk in den Bereichen Thriller oder gar Horror funktioniert, werden diese oft als Geheimtipps abgestempelt. So könnte es auch dem Regiedebüt von Co-Autor und Hauptdarsteller Denis Moschitto ergehen.

Köln: Nachdem Bruno (Moschitto) wegen Drogen seine Approbation verlor, schlägt er sich mit Hausbesuchen in der Unterwelt durch. Eines Tages soll er einem schwer krebskranken Mafiapaten helfen, doch damit beginnt für Bruno eine Abwärtsspirale, die zeitgleich einen Bandenkrieg auslöst…

Es ist grundlegend erfreulich, wenn sich ein etablierter Schauspieler mit Herzblut einem eigenen Projekt widmet, obgleich er sich dabei überdeutlich an klaren Vorbildern orientiert.
Die Trilogie von „Pusher“ von Nicolas Winding Refn stand hier eindeutig Pate und Stichwort Pate: Im weitesten Sinne ist das Werk sogar als Mafiafilm einzuordnen, jedoch auch als Milieudrama, in dem mit Bruno ein sympathischer Protagonist eingeführt wird.

Der Typ ist bodenständig und sieht sich in erster Linie als Helfer für die Gesetzlosen und da kann man auch schon mal direkt nach einem dentalen Einsatz zu einem frisch Angeschossenen eilen, um die Wunde notdürftig zu versorgen. Dies läuft so beiläufig und unaufgeregt ab wie eben bei einem Hausarzt, der mit seinem Köfferchen die alten Damen beim Teetrinken besucht. Die dazugehörige Kulisse im oft dreckigen und verregneten Köln lässt allerdings früh eine düstere Gangart vermuten.

Die Rastlosigkeit der Hauptfigur korrespondiert mit dem Erzähltempo der Geschichte, denn selbst wenn Bruno nicht im Einsatz ist, versucht er sich in vielerlei Hinsicht körperlich fit zu halten. Gut ist auch in diesem Zusammenhang das Umschiffen von Klischees, denn einen Paten würde man sich klassischerweise nicht wie einen gebrechlichen Opi vorstellen, der Gameshows in Landessprache sieht und darauf besteht, dass Bruno zumindest in seiner Gegenwart italienisch spricht. Auch auf übliche Gangsterklischees wird verzichtet, wobei das Danebenschießen auf geringer Distanz unter Ganoven ein wenig befremdlich anmutet.

Dass es bei medizinischen Notfällen nicht immer glimpflich und quasi nahtlos zugeht, offenbaren im Verlauf einige teils doch recht drastische Einschübe, wenn Zähne beim Ziehen knirschen, Durchschüsse übel suppen oder ein abber Daumen behandelt werden muss. FX und Maske leisten herausragende Arbeit und auch sonst ist handwerklich wenig auszusetzen (bis auf zu geringe Beleuchtung bei einigen Nachtszenen). Besonders stark ist der immer mehr in den Vordergrund rückende Synthiescore, der die düstere Atmosphäre im treibenden Nachtleben effektiv untermalt.

Ein Manko welches bei nicht wenigen neueren deutschen Produktionen in den Vordergrund rückt, ist die teils verschluckende, nuschelnde Aussprache vieler Schauspieler, bei denen Anke Engelke in einer Gastrolle eine Ausnahme macht. Rein mimisch bildet Moschitto natürlich das Zentrum und er vermag das Treiben locker zu stemmen, wobei die Besetzung als durchweg gelungen bezeichnet werden kann.

Vielleicht hätte man hinsichtlich des vermeintlich eindeutigen Titels etwas mehr Schock, eventuell noch tiefere Abgründe erwartet, doch die pessimistische Grundstimmung (gepaart mit deutlichen Zeichen inmitten der Corona-Zeit) zündet ebenso wie die erwähnte Abwärtsspirale, die weniger auf emotionale Wucht, denn auf Messerstiche innerhalb kleiner prekärer Kettenreaktionen setzt.
6,5 von 10

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