Die Zulassung als Arzt hatte Bruno (Denis Moschitto) durch Drogendelikte verloren, weswegen der drahtige Enddreißiger seit einiger Zeit als "fliegender Doktor" in der Unterwelt von Köln praktiziert. Irgendwie muß man ja seinen Lebensunterhalt verdienen, und da der zurückhaltende Bruno stets dezent vorgeht, hat er sich bald auch einen guten Ruf aufgebaut, sei es bei der Behandlung von Zahnschmerzen, angeschossenen Schutzgeldeintreibern oder dem illegalen Beschaffen von verschreibungspflichtigen Medikamenten.
Eines Tages spricht ihn eine Anwältin im Namen eines krebskranken Mandanten an, der eine als aussichtslos beurteilte Behandlung noch eine zeitlang fortsetzen will. 50.000 € sind geboten, aber bei der Beschaffung des Mittels stößt Bruno, dessen Ehrgeiz durch diesen, sein übliches Honorar weit übersteigenden Auftrag geweckt wird, an gewisse Grenzen. Zuerst rät ihm ein an den illegalen Aktionen beteiligter ehemaliger Kollege davon ab, liefert dann aber doch - zu einem überhöhten Preis. Der Beutel mit der Infusion stellt sich dann aber als unwirksame, zusammengepanschte Mischung heraus. Bruno gerät unter Druck - schließlich steht er der Anwältin und ihrem Klienten, einem alten Mafioso, gegenüber im Wort und muß liefern. Weiters bekommt er am Rande mit, daß Giuli (Fahri Yardim), ebenfalls ein Mafiosi und nebenbei Lebensgefährte seiner Schwester Laura (Aenne Schwarz), gerade nach genau diesem älteren Herrn, der einem verfeindeten Clan angehört, sucht. Doch nachdem Bruno auch noch einen Honorar-Vorschuß erbeten und erhalten hatte, gibt es kein Zurück mehr: er beauftragt kurzerhand einen anderen Lieferanten mit der Beschaffung des Medikaments...
Bei der Konstellation von Regie, Drehbuch und Hauptrolle in einer einzigen Person vereint ist schon des Öfteren etwas schief gegangen, doch Denis Moschitto (und Daniel Rakete Siegel) ist mit ihrer Schock betitelten Gangstergeschichte, die sich vor (skandinavischen) Noir-Beiträgen nicht verstecken muß, gelungen, was nur wenigen deutschen Produktionen gelingt: eine böse kleine Geschichte über eine Abwärtsspirale im Leben des Protagonisten zu erzählen, die auf jeden TV-Klimbim wie Seifernopern-Themen, erhobenen Zeigefinger, sinnlose Subplots oder wohlfeile Witzchen verzichtet.
In diversen Ansichten des oft verregneten nächtlichen Kölns, angetrieben von einem ebenso dezenten wie wirkungsvollen Elektro-Score kann man Bruno bei seinen Aktivitäten beobachten, die von Spritzen verabreichen über Trainuing im Fitnesstudio bis hin zur Mithilfe bei der heimlichen Beerdigung an einer Überdosis gestorbener Sexarbeiterinnen reicht.
Denis Moschitto verleiht seinem unscheinbaren Filmcharakter des fliegenden Doktors dabei stets einen Anflug von Menschlichkeit, vom stillen Akzeptieren des Unvermeidlichen, sodaß sich das Publikum spätestens, als er gelinkt wird, auf seine Seite stellt. Denn während er - zufällig in der Nähe befindlich - dem schwesterlichen Freund sofort erste Hilfe leistet, als dieser angeschossen wird, kann er unmöglich ahnen, daß sein neuer Auftrag, der vorgeblich nur in der Verabreichung von Spritzen an einen alten Mann in einem Versteck besteht, ihn geradewegs zwischen die Fronten rivalisierender Mafiaclans geraten läßt.
Bei diesem eher ungewöhnlichen Erzählstil verzichtet das Drehbuch (vermutlich bewußt) auf weitere Hintergrundinfos, die zu einer näheren Identifikation mit der Hauptperson führen könnten, davon abgesehen scheint sich Bruno oft gar nicht der Gefahr bewußt zu sein, in der arbeitet - was ihm später umso bitterer aufstoßen wird. Für das leider äußerst schwach inszenierte Shoot-Out in der Werkstatt (die einzige Kritik am ansonsten straight seinem Konzept folgenden Film, vom sinnbefreiten Titel Schock einmal abgesehen) gibt es jedoch Punktabzug.
Fazit: ein ungewöhnlicher deutscher Beitrag, der mangels massenkompatibler Anknüpfungspunkte (auch Anke Engelke in einer kleinen Nebenrolle kann darüber nicht hinwegtäuschen) mit seiner auf das Wesentliche reduzierten, pessimistischen Story über einen durchaus ambivalenten Charakter wohl nur ein Nischenpublikum findet. Dergleichen würde man dennoch gerne öfters sehen. 6 Punkte.