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Im vierten abendfüllenden Werk des Isländers Erlingur Thoroddsen dreht es sich um die deutsche Sage des Rattenfängers von Hameln, was in Anbetracht eines unheimlichen Flötenspielers fast schon nahe liegt. Dass er für den Score Veteran Christopher Young gewinnen konnte, erweist sich als deutliche Stärke.

Dirigent Gustavson (Julian Sands) will nach dem Tod einer befreundeten Komponistin unbedingt ihr „Konzert für Kinder“ auf die große Bühne bringen. Querflötistin Mel (Charlotte Hope) erklärt sich bereit, die Manuskripte ihrer einstigen Mentorin aufzutreiben und den dritten Satz kompositorisch zu vollenden. Doch jeder, der die Melodie hört, scheint von ihr wie hypnotisiert und noch ahnt niemand, wie langsam das Böse heraufbeschworen wird…

Nach einem stilvollen Einstieg mit etwas Feuer dauert es eine ganze Weile, bis sich böse Vorzeichen einstellen und der Spuk umgeht. Die Kernmelodie durchzieht zwar das gesamte Werk und mündet in einer starken orchestralen Umsetzung, doch in Sachen Horror kommt man selten über sattsam bekannte Motive hinaus, wenn ein weißer Ball im dunklen Gang eine Richtung anzeigt oder das Leben eines Vogels an einer Glasscheibe endet.

Aus der Tatsache der hörbehinderten Tochter wird wenig gemacht und auch die Untersuchung von Harmonie und Disharmonie führt im Zusammenhang mit lateinischen Vermerken zu keinem schlüssigen Ergebnis. Die wenigen Nebenfiguren tragen kaum bis gar nichts zum Fortschritt der Handlung bei und erst als der Tag der Uraufführung näher rückt, gewinnt die Chose an Fahrt.

Im finalen Akt geht es schließlich deutlich turbulenter zu, was nicht zuletzt auf die starke Präsenz der Musik zurückzuführen ist. Zwar streift man bisweilen surreale Gefilde, die inszenatorisch eher an eine simple Theateraufführung erinnern, doch anbei gibt es handgemachten Splatter und etwas Body Horror, während am Rande recht viele Statisten involviert sind, - mal abgesehen von einem professionellen bulgarischen Orchester, welches folgerichtig durch und durch authentisch aufspielt.

Sonderlich gefordert wird leider kein Darsteller. Sands mimt in einer seiner letzten Rollen routiniert den leicht cholerischen Dirigenten, während Hope zwar einigermaßen engagiert performt, jedoch insgesamt keine Akzente setzen kann. Ähnliches gilt für die Jungmimen, die im Kollektiv zumindest passabel spielen. Während Klänge von Debussy eine Atempause und den Streifzug in fantastische Gefilde zulassen, löst das wiederkehrende Thema von Young ein angemessenes Unbehagen aus. Wobei man sich natürlich fragt, warum dies Teil des Konzert für Kinder sein soll, da es im Gegensatz zu Werken wie „Peter und der Wolf“ alles andere als verspielt und leichtfüßig daherkommt.

Das Motiv des Rattenfängers von Hameln bleibt zwar relativ vage und nicht jeder Aspekt des Dämonischen lässt sich schlüssig erklären, doch die Musik kaschiert insgesamt einige dramaturgische Schwachstellen im Mittelteil, welcher sich den einen oder anderen Durchhänger erlaubt. Insgesamt bleibt er merklich hinter den Möglichkeiten des Schreckens zurück, doch für eine Sichtung könnte es sich für einen musikbegeisterten Genrefan lohnen.
6 von 10

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